Wie man sich selbst ins Knie schießt

Unter der Meldung:
Trojaner nutzen Windows-Update-Downloader
Link: www.heise.de/security/news/meldung/89752
gab es - wie immer bei Heise - auch einen Diskussionsthread in dem ich diese köstliche Abhandlung fand:
15. Mai 2007 14:21
Re: Wie man sich selbst ins Knie schießt (version 0.1.2)
pullmoll (mehr als 1000 Beiträge seit 24.01.00)
Wie man sich selbst ins Knie schießt (unter Verwendung verschiedener
OS und Distributionen)
DOS: Sie installieren die Treiber knarre.sys, kugeln.sys in der c:\config.sys. Beim Aufruf der Datei abzug.exe erhalten Sie die Fehlermeldung "Insufficient memory to run command". Es ist kein UMB mehr frei und knarre.sys läuft nicht in der HMA: Sie schießen sich nicht ins Knie.
Minix: Sie laden die Module /usr/lib/drivers/knarre.o und /usr/lib/drivers/kugeln.o problemlos. Beim Ausführen von /usr/bin/abzug wird eine Kugelmessage an den Kernelthread geschickt und erhält dort das BUSY-Flag gesetzt. Beim nächsten Taskwechsel gegen 17:45 Uhr pollt das Knarrenmodul seine Inputqueues und findet die Kugelmessage pending, fordert sie vom Kernel an und wartet darauf, dass das Kugelnmodul sie UNBUSY setzt, was dann gegen 18:10 Uhr auch geschieht. Sie hatten jedoch längst die Versuche aufzugeben, den offensichtlich abgestürzten Prozess /usr/bin/abzug zu killen und waren vor dem nötigen Reboot erst mal einen Kaffee holen gegangen: Die Kugel verfehlt ihr Knie.
Linux (DSL): Es ist zwar ein etwas veraltetes Modul /usr/lib/modules/arms/vorderlader.o vorhanden, jedoch fehlen auf der CD die passenden Module für Kugeln, Schwarzpulver, Schusspflaster und vor allen Dingen fehlt der Ladestab: Sie schießen sich vorläufig nicht ins Knie.
Linux (Ubuntu): Sie schießen schon beim einfachen Start der Live-CD sämtlichen root und admin Nutzern der anderen auf ihrer Festplatte installierten Betriebssysteme in die Knie, als Ubuntu einen neuen Microcode auf ihren DVD-Brenner herunterlädt, bemerken es aber nicht. Ihr eigenes Knie benötigen sie später dringen, um vor den wütenden Mitbenutzern des Rechners wegzulaufen.
Windows 95/98: Es gibt keine aktuellen Treiber mehr für die in ihrem System vorhandene Knarrenhardware. Sie versuchen es mit den WDM-Treibern für 2000, die aber ihr System so nachhaltig lahmlegen, dass es vor dem Umschalten in den Grafikmodus einfriert. Den Vorgang der Neuinstallation aus dem Image kennen Sie ja schon: Sie schießen sich voraussichtlich nie mehr ins Knie.
FreeBSD: Die Spezifikiation der Hardware der Knarre in ihrem System ist nur gegen Abgabe eines NDA vom Hersteller zu erhalten, weshalb bisher keiner der FreeBSD-Entwickler ein Modul dafür schreiben konnte. Die Linux-Emulation lädt zwar die vorderlader.o von DSL und sie finden auch passende kugeln.o, schußpflaster.o (beim ß im Dateinamen haben Sie die Probleme mit nicht-ASCII Zeichen gemeistert, indem Sie das Modul mit Wildcards laden) und schwarzpulver.o auf FTP-Servern in Schweden, Australien und Korea, aber leider haben sie bisher keine Quelle für die für /emul/linux/usr/bin/abzug notwendige glibc-0.8.15 auftreiben können: Sie schießen sich nicht ins Knie.
NetBSD: Sich ins eigene Knie zu schießen ist prinzipiell zwar nicht vorgesehen, aber es gibt unter /usr/pkgsrc/sysutils ein Verzeichnis kneeshot, das recht vielversprechend aussieht. Bei einem "make install" stellen Sie fest, dass keiner der in der ./distinfo angegebenen SHA1-Hashes für die BZ2-Archive mehr mit dem übereinstimmt, den sie für von den MASTER_SITES herunterladbaren Dateien berechnen. Sie entschließen sich, die distinfo entsprechend zu patchen, damit das Utility doch noch übersetzt werden kann. Es funktioniert!!1!elf Sie schießen sich in alle verfügbaren Knie und Ellenbogen.
Windows Vista: Als Sie das notwendige MSI-Paket vom Microsft-Server baretta-service-156.422.26785.msi runtergeladen haben, stellen Sie nach der Installation fest, dass das Paket leider schon völlig veraltet ist und nur mit den installierten Patches KB847246, KB234678, KB233456, KB678434, KB890724, KB768532, KB234583, KB890093, KB234908, KB897144, KB23456, KB234678, KB346853, KB245067, KB907345, KB908234, KB640259, KB243673 sowie den Hotfixes KB8901275 und 029735 läuft. Nach 3 Stunden des Installierens und Rebootens müssen Sie feststellen, dass die Patches nur für Windows XP SP2 galten, es aber die Patches KB892734 und KB356732 gibt, die das Problem beseitigen. Nach erneuten 30 Minuten Installierens und Rebootens startet der Dienst, die WGA-Prüfung ist erfolgreich absolviert. Dummerweise scheint den Programmierern ein Fehler unterlaufen zu sein, und die UAP (User Account Protection) fragt Sie in einer Endlosschleife, ob sie sich wirklich ins Knie schießen wollen: Sie schießen sich zwangsweise nicht ins Knie.
OS/2: Im Internet unter Hobbes ein Knieschuss.wpi gefunden. Leider fehlt der WarpInstaller auf dem Rechner. Nach Download und Installation des WarpInstallers lässt sich Knieschuss.wpi installieren. Leider lässt sich knieschuss.exe nicht starten, da es sich um ein portiertes Linux Programm handelt für das die emx.dll benötigt wird. Diese ist aber nicht auf dem Rechner: also dauert es noch etwas bis zum Schuss ins Knie.
GNU/Hurd: Das Modul knarre.o kommt nächstes Jahr, das hat Richard M. Stallman ganz, ganz fest versprochen. Die Ankündigung war Anfang des Jahres auf alt.gnu.hurd.vapor.vapor zu lesen.
NEWDOS/80: Ein Journalist hat kürzlich die Entwickler der Firma "Big Five" in ihrem heutigen Domizil im sonnigen Florida besucht und konnte von Bill Hogue, Jeff Konyu und Curtis Mikolyski in Erfahrung bringen, dass das Team an einem Remake ihres "Miner 2049er" für die Intel-Multicore Architektur arbeitet. Das Remake soll unter anderem einen Level haben, in dem Bounty Bob eine Knarre aufsammeln kann, mit der er auch dem Spieler ins Knie schießen können wird. Das Spiel soll im Jubiläumsjahr 2012 auf den Markt kommen: Warten Sie noch kurze Zeit und sie können sich ins Retro-Knie schießen.
Windows f. Workgroups 3.11: Es existieren leider keine 16-Bit Treiber für die Knarre ihres Systems und obwohl sie den Sourcecode aus einer dunklen Quelle auftreiben konnten (#abandonwarez), bombardiert sie ihr Visual-C++ 4.1 bei der Übersetzung im 16-Bit Modus mit einer endlosen Liste von Warnungen darüber, dass der Code undefinierte #pragmas und sehr, sehr suspekte STL Funktionsobjekte enthält. Dabei entgeht ihnen die ziemlich wichtige Warnung, dass ein statisches Array jenseits von 64K indexiert wird, was beim späteren Laden des selbstcompilierten knarre.bin dazu führt, dass sie sich völlig zufällig nicht nur in den Kopf: sondern auch ins Knie schießen.
AmigaOS: Aufgrund der Political Correctness ist es standardmäßig nicht möglich, sich ins Knie zu schießen. Allerdings gibt es eine Cracking-Group, die den Guru-Meditation-Hint-Screen umgebaut hat, sodass Sie mit einer speziellen Workbench sich auch hier ins Knie schießen können. Der Knie-Schuss wird allerdings von einem farblich augenkrebs-erregenden Intro präsentiert, die 5 Minuten lang ist und nicht abgebrochen werden kann. Berichten zu Folge sollen durch die Abfolgen schneller Farbwechsel Personen einen Hirnkoller erlitten haben, so dass sie von dem Knieschuss nicht mit bekamen. Die spezielle Workbench-Version kann in der BTX-Box Ihres Vertrauens erstanden werden.
MacOS: Da der Hersteller die Knarre selbst mit bringt, können Sie sich darauf verlassen, das der Knieschuss auch tatsächlich benutzerfreundlich und hochperformant funktioniert. Die Knieschuss-Applikation ist ein sehr gut gepflegtes jedoch selten benutztes Feature. Als nettes Addon wird Knieschuss auch in Form einer Armbrust angeboten, die jedoch nur dafür verwendet werden kann, einen Apfel zu durchbohren.
Da die Lade-Trommel kürzlich auch für Ix-Eighty-Six umgebaut wurde, kommt nun ein breiteres Publikum in den Genuss der professionellen Art und Weise, sich ins Knie zu schießen.
Anmerkung der Sicherheitsabteilung: Es wurden noch nie Security-Flaws in "Knieschuss" gefunden, so dass man davon ausgehen kann, das es die sicherste Knarre seiner Art auf dem Markt ist. Das Anbringen eines Schusses in andere Körperteile ist ausgeschlossen.
C-64: In der Urversion vom C-64 gibt es keine Möglichkeit das Basicprogramm KNARRE direkt zum Knieschuß zu bringen. Nur eine Simulation "KUGELN" ermöglicht eine nachhaltige und prägende Umsetzung über Spritesteuerung in den Varianten 24×21 für monochrom oder 12x21 High-Res-MultiColor für den anspruchsvollen Anwender. Dabei müssen die Daten von vier engbedruckten, 3-spaltige DIN A4-Seiten aus der C64'er abgetippt werden und mittels Pokeanweisungen direkt in die Speicherbereiche $C000 und $A000 eingegeben werden, wobei ein Teil des Codes zur Steigerung der Abarbeitungsgeschwindigkeit auch auf das VC1541 ausgelagert werden können (Multi-Prozessoring!). Bei der anschliessende Erfolgkontrolle mit SYS49152 (s. unter "ABZUG" in der C64'er) der mehrstündiger Abtipperei ist der Knieschuß garantiert. Ob die Spritesteuerung "KUGELN" überhaupt ja funktioniert hat ist leider nicht bekannt. Die professionelle Variante (Artikel: "Kuck 'mal, geht auch einfacher!") ist die Anweisung "PRINT 0+""+-0". Sie zudem deutlich schneller einzutippen und hat einen garantiert durchschlagenden Miss-Erfolg beim zarten Druck auf die RESTORE-Taste.
Zeta: Dieses OS wird in den einschlägigen Dauerwerbesendungen im TV von dermaßen durchgeknallten Moderatoren angepriesen, dass nur ganz wenige Menschen auf die Idee verfallen, sich ausgerechnet mit diesem Betrübsystem ins Knie schießen zu wollen, weil sie vermuten, dass die Auswirkungen so sein könnten, wie bei besagten Moderatoren zu sehen ist. Die wenigen, die es dennoch versuchen, finden eine vorinstallierte Knieschuss-Applikation, die doppelt so schnell lädt wie jede vergleichbare Windows-Anwendung und die sich außerdem bis zu 256mal gleichzeitig starten lässt, wobei in jedem neuen Fenster ein sich um alle Raumachsen drehender, dreidimensionaler Smith&Wesson-Revolver animiert wird. Nach einem Klick auf den Abzug und den innerhalb von 3µs folgenden Schuss ins eigene Knie, nutzen die meisten Anwender die gleichzeitig mit dem OS erworbene Krankenversicherung, um sich von ihrem Hausarzt eine Kur auf Tovalu verschreiben zu lassen.
(Autorenkollektiv @ heise.de)
ciao pm 
 Eine Reise nach Polen

Der folgende Reisebericht wurde in einer Newsgroup gefunden:
Prolog
Polen - wieso eigentlich Polen? Nun, ich wollt' halt auch mal mit einem halbwegs exotischen Reiseziel prahlen können. Die DomRep kennt ja jedes all-inclusive-Freibiergesicht zumindest aus dem Katalog - aber wer weiß eigentlich noch, wo Schlesien liegt? Wer kann sich rühmen, die östlichen Beskiden bereist zu haben, wer durchmaß je Kaschubien, wer weiss, wo die Obotriten hausten und wer saß je unter sengender Sonne im San-Tal zu Sandomierz, wer aß je Borschtsch in Przemysl bzstellte dzu eine przllnde Brause? Polen also. Schon wegen der prallen Exotik der Orthographie.
Przoblematisch an Polen ist zunächst nicht die Auszsprache der Ortsnamen, sondern das Hinkommen. Als geographisch mittelmäßig vorgebildeter Südhesse hat man die vage Vorstellung, dass es irgendwo nordöstlich von daheim sein muss. Da man aber schon beim Kartenstudium im Vorfeld der Reise permanent die Ortsnamen Warschau, Wroclaw und Breslau sowie Stettin, Szczecin und Szczecinek durcheinander wirft, wird beschlossen, sich nicht an Ortsnamen, sondern an groben geographischen Gegebenheiten zu orientieren: rauf' bis an die Ostseeküste, nach rechts wenden, und dann immer am Wasser lang bis Polen anfängt.
Prima Plan, hätte auch geklappt, wenn es dort oben, an der Ostseeküste, bei Swinemünde/Swinoujscie, einen Grenzübergang für Privatkraftfahrzeuge gäbe. Gibt es aber nicht. Fluchend wendet man das mit Gepäck, Sozia und Sicherheitsschlössern überladene Krad (Honda Varadero) gen Süden, um das weiträumige Oderhaff zu umfahren, denn erst in dessen Süden, bei Szczezin/Stettin, geht es über die Grenze.
Das hat aber auch seine Vorteile, denn dieser ungewollte Schlenker führt einem durch einen Landstrich des wiedervereinigten Vaterlandes, den man ansonsten wohl kaum kennengelernt hätte. Die Uckermark. An einem trüben, regnerischen Tage durch die Uckermark zu fahren - und es war ein trüber, regnerischer Tag - an einem solchen Tag also diesen Landstrich zu queren, ohne aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten, bedarf einer gewissen angeborenen Heiterkeit, einer fröhlichen Buntheit des Gemütes, über die ich leider nicht immer verfüge. Ansonsten kriegt man in der Uckermark Depressionen. Straße. Flach. Geradeaus. Links Kartoffelacker. Rechts Kartoffelacker. Graue Ortschaften. In den grauen Ortschaften verkaufen übellaunige Uckermärker Erbsen-und Kartoffelsuppe aus Gulaschkanonen aus NVA-Altbeständen. Vielleicht stammt ja auch die Suppe aus Konservenrestbeständen der Volksarmee. Oder der roten Armee. Oder der Wehrmacht, wer weiß, sowas hält sich ja. Die Erbsensuppe war übrigens gut. Aber die Stimmung beschissen.
Irgendwann erreicht man dann den urbanen Umbilicus, die mondäne Metropole, das pulsierende Herz der Uckermark: Pasewalk. Verzeiht, liebe Pasewalker (sofern hier einer mitliest), aber die kilometerlange, ermüdende Fahrt über die grauen Äcker des Umlandes hat meine Augen blind gemacht für die Reize Eurer Stadt, und nachdem ich Euren Marktplatz erreicht hatte, wollte ich nur noch eines: weg. Schnell, und auf kürzestem Wege.
Nun hatte ich allerdings nicht damit gerechnet, in wie hohen Ehren die Pasewalker die heimische, kartoffeltragende Scholle halten. In so hohen Ehren hält man sie dort, dass man auf dem ansonsten neu und picobello hell-erdbraun gepflasterten Marktplatz etwa 2x2 Meter große Flächen ungepflastert lässt, die mit der dunkel-erdbraunen Uckermärker Scholle angefüllt sind. Bis zum Rand. Vermutlich will man dort später Blumen pflanzen. Oder Kartoffeln. Weich ist die Uckermärker Erde, tiefgründig der Pflug, mit dem sie umgebrochen wurde, trügerisch ihre glatte, vom Rechen geebnete Oberfläche, und blöde der Frankfurter Tourist, der beim illegalen Überqueren des Pasewalker Marktplatzes jene Pflanzbetten für Pflaster hält und sein vollbeladenes Krad mitten hineinfährt, welches darin bis zu den Radachsen einsinkt.
Grandios, denk' ich in diesem Moment, das gibt den Begriffen von der "Reiseenduro" und der "Touristenfalle" einen ganz neuen Sinn: Offroad-Abenteuer auf dem Marktplatz von Pasewalk, der Touristen-Knüller der Saison, für alle, die schon alles kennen! Dann aber gilt meine Sorge dem möglichen baldigen Herannahen der Ordnungsmacht, die treue Sozia steigt ab, schiebt, ich gebe Gas, die Varadero steigt brüllend und erdespeiend aus dem Pflanzbecken wie Phönix aus einem Kartoffelfeuer, und unter Hinterlassung eines verwüsteten Pflanzplatzes, des Gefeixes der Pasewälker Jugend, sowie eines zerstörten Anscheins von Souveränität und weltmännischer Gelassenheit des arroganten Wessies entfliehen wir gedemütigt Pasewalk.
Das, denkt man sich, kann ja heiter werden in Polen.
Erste Eindrücke
Es wird dann auch heiter in Polen. Nicht gleich, denn die Grenzstadt Stettin/Szczezin, über die man einreist, ist noch ziemlich grau in grau. Aber dann, wenn der Weg sich nach Nordosten wendet, hinein in's Hinterpommersche, hellt sich die Stimmung auf. Zwar gammeln auch hier die Dörfer in weltabgeschiedener Kartoffelackerlangeweile vor sich hin, aber sie tun es irgendwie stilvoller, selbstzufriedener und selbstverständlicher als die in der Uckermark, die, im Vergleich, eher verbittert wirkt. Hier scheint Hoffnung zu herrschen, zumindest hat man Geranien in den Fenstern.
Auch hier hält man die heimische Scholle hoch. Droben, in den schönen Fischer-und Badeorten an der Ostseeküste (Ustka zum Beispiel) serviert man sie schmackhaft paniert und gebraten. Weiter im Landesinneren liegt sie um diese Jahreszeit (September) in Form fetter, schwarzglänzender Schollen auf frischgepflügten, endlosen Äckern und wartet darauf, mit roten Rüben, Kraut, Kartoffeln und Gerste befruchtet zu werden, so dass nie ein Mangel herrsche an Borschtsch, Bigos, Placek und Piwo, als da sind: Rote-Rüben-Suppe, Sauerkraut, Kartoffelpfannkuchen und Bier.
Das, denkt man sich, kann ja gefräßig werden in Polen.
Polnisches Straßenwesen
Es wird dann auch gefräßig in Polen. Um aber an die Orte der Verfressenheit zu gelangen, muss man sich des polnischen Straßennetzes bedienen, und das verdient - zumal in einer fahraktiven Newsgroup wie drm - eine ausführliche Würdigung.
Mir ist - nach 6000 km durch Polen - ein wahrhaft gerüttelt Maß an Erinnerungen zurückgeblieben. Es will scheinen, dass die Fundamente der allermeisten Straßen von Kasimir dem Kachektischen kurz nach der Christianiserung der Obotriten und Pruzzen angelegt wurden. Sie waren wohl darauf ausgelegt, Kasmirs halbverhungerte, asthenische leichte Infanterie gegen die schweren Ritter des Deutschen Ordens (mit dem die polnischen Könige in endloser Fehde lagen) ins Feld zu führen, und diesem Zweck mögen sie wohl gedient haben. Was auch den überraschenden Sieg der Polen (1412 bei Tannenberg/Grunwald) über besagte Deutschordensritter erklären würde: Ich nehme an, dass die schweren Schlachtrösser jener stahlbeplankten Ritter auf den polnischen Straßen bis zum Bauche ebenso versanken wie ich in den Pasewalker Pflanzplätzen - leichte Beute für die Infanterie.
Dieser historische Sieg über den Deutschen Orden bei Grunwald ist übrigens ein ganz wesentlicher Bestandteil der polnischen Nationalfolklore. Jede Stadt, jedes Dorf verfügt über eine "Ulica Grunwaldska", eine "Grünwaldstraße". (Felix Polonia, glücklich das Land, das sich seiner Sieg freuen kann, wenn sie auch noch so lange zurückliegen. Man stelle sich vor, man würde in Deutschland überall "Sedanstraßen" finden. Sedan? Nie gehört, was? Ist aber noch viel weniger lange her, das war .... nee, das ist eine ganz andere Geschichte.)
Gut. Die Ehrfurcht der Polen vor ihrer Geschichte ist also größer als die unsrige vor der unsrigen. Dass die Polen diese denkmalschutzseelige Ehrfurcht allerdings bis auf den Unterbau ihrer Straßen ausdehnen: Das hätt' ich nicht gedacht. Mit anderen Worten: Leichten Fußtruppen mögen die Straßen gewachsen sein, nicht aber den ukrainischen Zwiebellastern und den polnischen Ziegel-und Backsteintrucks (denn viele, viele Polen bauen sich momentan ein Einfamilienhäuschen), die das Land durchdonnern.
Das Resultat ist eine - ich will mal sagen - "abwechslungsreiche" Gestaltung der Straßenoberflächen. Das nämlich, was den Straßen (zumindest im flachen Nord-und Mittelpolen) an Abwechslung in der horizontalen Ebene fehlt (will heißen: Es geht immer nur geradeaus), das haben sie den unsrigen an Überraschungen in der vertikalen Ebene voraus. Polen ist das Land der Reiseenduros mit langen Federwegen.
Folgende Grundgestaltungen der polnischen Straßenoberflächen lassen sich unterscheiden.
- Die ordinäre Längsrille, auf polnisch "Koleijni", die durch ein Straßenschild, das unserem Schilderwald fehlt, angekündigt wird. Es zeigt - sehr zutreffend - ein Autochen, das über einem schwarzen Balken mit zwei auffälligen Vertiefungen in bedenklicher Schräglage mehr schwebt als fährt. Schräglage ist das passende Stichwort: Dieses lustbringende Laster fast aller Motorradfahrer wird durch die Spuren des Lasters, eben die "Koleijnis", effektvoll unterbunden. Wenn schon mal eine Kurve auftaucht, und wenn man sie schon mal mit Schmackes in der Ideallinie umrunden will, kreuzt man diese tiefen Rillen mehrfach in spitzem Winkel. Ich habe wenig Erfahrung mit der christlichen Seefahrt, aber das Fahrgefühl, das sich bei diesen Kurvenfahrten einstellt, muß dem ähneln, das ein Segler bei einer misslingenden Halse bei hohem Seegang hat - "demnächst kieloben".
- Die gemeine Querrille, auf die man überall im Lande trifft, und die durch ein Straßenschild, das dem unsrigen für "Unebenheiten" ähnelt, angekündigt wird. Nur, dass unser Schild mich immer an Kate Moss erinnert, das polnische hingegen an Dolly Buster. Und das zu Recht. Es gibt kein Entkommen. Die Querrillen überziehen die gesamte Fahrbahn, sie treten überall im Lande auf, auf alten und auf neuen Straßen, auf krummen und auf geraden, auf Autobahnen und auf Nebenstrecken: Geschätzt kommt eine Querrille, die die Hinterradfederung der überladenen Varadero auf den Bock treibt, auf etwa 300 Meter. Es nervt und zermürbt.
Das Zustandekommen dieser Rillen ist mir durchaus unklar. Mancherorts sind es sicher die alten, gegossenen Betonplattenoberflächen, über die man einfach drüberasphaltiert hat, aber auch nigelnagelneue Straßen weisen diese Querfugen auf.
Ich glaub' ja, dass die überaus große Zahl dieser Rillen mit der überaus großen Zahl der katholischen Priester in Polen zu tun hat. Vermutlich wird jeder von denen gleich bei seiner Priesterweihe zur Anlage und Unterhaltung von ein bis zwei solcher Querrillen verpflichtet, was ihre Anzahl in etwa erklären würde. Vielleicht helfen auch die Nonnen mit. Und dann, bei der Ohrenbeichte, wenn der arme Sünder sagt, "pater peccavi", dann kann der Priester ganz locker sagen, "ego te absolvo, aber zur Busse fährst du die Autobahn Stettin-Goleniow mit Tempo 70. Und wenn Du es wieder tust, mit Tempo 80."
Es wird viel gebeichtet in Polen, aber wohl auch viel gesündigt. Jedenfalls hat man auf den übelst querrillenverseuchten Strecken immer einen Kleinlaster im Kreuz, der verzweifelt versucht, ein Tempo zu halten, das ich als Bestrafung empfinden würde, und der deshalb zu halsbrecherischen Überholmanövern über Kolejinis und Querrillen hinweg ansetzt. Die vielen Kreuze am Straßenrand legen ein stummes Zeugnis ab von der Busse, die die Polen auf ihren Straßen tun.
- Die allgemeine Desolatheit der Oberfläche, vor allem auf kleinen Nebenstrecken anzutreffen. Sie wird dort offensichtlich als selbstverständlich angesehen und nicht weiter ausgeschildert. Für den, der an der Historie des Straßenbaus von der Jungsteinzeit (denn Polen ist ein altes Kulturland) über die Völkerwanderung bis heute interessiert ist, für den sind die polnischen Schlaglöcher wahre Fundgruben. Je tiefer, an desto älteren Schichten vorbei stürzt das Vorderrad in's Bodenlose, bevor es unsanft im Neolithikum aufschlägt. Je höher die Welle, die sich vor einem auftürmt, desto mehr und frischere Lagen bietet der materialgemixte Flickenteppich, aus dem der Straßenbelag dort besteht. Wahre Zeitmaschinen, diese Straßen. Es ist gar kein Problem mit dem Vorderrad grade im Neolithikum zu stecken und sich dabei eine feingearbeitete, flintsteinerne Pfeilspitze in die Karkasse zu bohren, während das Hinterrad über einen neuzeitlichen, frisch gesplitteten Asphaltflecken rutscht und sich dabei einen Hufnagel einfängt, den der Gaul vor dem voranfahrenden mittelalterlichen Panjewagen gerade verloren hat.
(Gut. Ist übertrieben. Aber steinerne Pfeilspitzen hab' ich im Museum gesehen und Hufeisen auf den Straßen. Pferdewagen sowieso. In Massen. Man pflügt dort in manchen Gegenden sogar noch mit Rossen.)
Summa: Polen ist kein Land zum Motorradfahren, zumindest nicht für den einigermaßen ambitionierten Straßenfahrer. Aus Furcht vor Verwerfungen der Straße, vor Dreck, Rollsplit und Pferdemist glotzt man nämlich dauernd auf den Flecken Straße direkt vor dem Vorderrad, was sowohl die Ideallinie als auch den Genuss der Landschaft versaut. Zum Glück gibt es, zumindest im Norden und in der Mitte, allerdings auch kaum bewundernswerte Naturgebilde. Straße, rechts und links Bäume, flach, geradeaus, Ackerflächen. Fertig.
Es gibt auch wenig Motorräder dort - die meisten dienen ganz prosaisch als billige Transportmittel - Jawa, MZ und diverse mir unbekannte kleine Einzylinder-Zweitakter sieht man recht häufig, letztere oft umgebaut zu abenteuerlichen Trikes, die als Transportmittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden.
Das denkt man sich, wird ja ein fader Urlaub werden.
Städte und Straßenränder
Es wird dann aber gar nicht fade, sondern überaus spannend. Die Städte nämlich, die die faden Straßen durch fade Landschaften miteinander verbinden, sind zum großen Teil traumschön und überaus sehenswert. Danzig. Thorn. Posen. Breslau. Kielce. Kasmierz. Lublin. Zamosc. Krakau. Eigentlich, denkt man, eigentlich würde Polen rein touristisch sehr gewinnen, wenn man seine Städte auf die Fläche von, sagen wir mal, Luxemburg, zusammenrücken könnte. In den Städten wird einem dann ganz backsteingotisch zu Gemüte, backsteinerne Kirchen, backsteinerne Bürgerhäuser, Backsteinlaster auf den Straßen dazwischen und man fängt an, darüber nachzudenken, ob man nicht Backsteine als Reisemitbringsel für die lieben Daheimgebliebenen mitbringen soll - ein süßer Traum vom billigen Souvenir, aus dem man allerdings über der nächsten Querrille durch die durchschlagende Federung des ohnehin überladenen Motorrades herausgerissen wird.
Nach einer Weile aber, wenn man so mit gemäßigtem Tempo über Magistralen und marginale Sträßchen zwischen Polens Metropolen hin-und herholpert, schärft sich der Blick für die Dinge am Straßenrand, und siehe: Es wird da allerlei Zerstreuung geboten. Offenbar hassen die Polen nichts mehr, als auf Reisen Mangel zu leiden, und deshalb gibt es alle naselang eine Grill-und Imbissbude. Sehr erfreulich, denn dort werden Schaschlik, Würste und Kaffee gereicht. Und Tankstellen gibt es, riesig große, neue Tankstellen, die einer Raststätte an unseren Autobahnen gut zu Gesicht stünden, gibt es überall an den Landstraßen. Selbstverständlich mit Imbissmöglichkeit, nicht immer aber mit Pressluft, was die Kontrolle des Luftdruckes der geschundenen Reifen sehr erschwert. Außerdem sind da alte Frauen am Straßenrand, die körbeweise Gurken und Kartoffeln, in waldigen Gegenden auch Pilze verkaufen. Mancherorts stehen auch junge Frauen am Straßenrand im Walde, bei denen man aber keine Pilze kaufen, sondern sich nur welche holen kann, denn die Damen stehen da, damit auch der alleinreisende Herr auf der Durchfahrt keine Entbehrung leiden muss.
Und Kreuze stehen am Straßenrand zwischen den Alleebäumen, viele Kreuze. Manche stehen da wohl schon immer, aus gutkatholischem Prinzip, groß, steinern, blumengeschmückt, Christus vornedraufgenagelt. Viele, viele andere, kleinere, hölzerne, ebenfalls beblumte Kreuze stehen wohl noch nicht ganz so lange, und anstelle von Christus steht "Janusz" oder "Pavel" drauf. Wie daheim, denkt man, bis man sieht, dass die zerborstene Vorderradfelge eines Motorrades, das verbeulte Lenkrad eines Autos oder ein zerbrochener Scheinwerfer an manchen dieser Kreuze angebunden sind. Naja, die Katholiken halten ja auch die Werkzeuge, mit denen der Herr zu Tode gebracht wurde, Kreuz, Nägel, Dornenkrone und Speer für heilig - warum also nicht.
Jetzt wird's aber Zeit für was zum Essen.
Von der Sprache, dem Essen und Trinken und dem Übernachten.
All das ist geradezu erschreckend zivilisiert und kosmopolitisch. Gerne hätt' ich jetzt Sätze geschrieben wie: "Das polnische Hotelpersonal lässt sich in zwei Gruppen unterteilen: die Angestellten mit Englischkenntnissen und die ohne. Den mit den Englischkenntnissen trafen wir in Danzig." - aber das ist gar nicht wahr. Den anderen mit Englischkenntnissen trafen wir in Krakau. Aber auch das ist gelogen. Es waren viel mehr, wenn auch bei weitem nicht die Mehrheit Die Verständigung mit dem Mann und der Frau auf der Straße, die scheitert aber: no english, pas de francais, selten deutsch spoken there.
Eine typische Konversation im rein polnischen Restaurant hört sich dann etwa so an:
Ich: "Tschenje dobr!" (das muss sich etwa so anhören wie "Goden Tuch!")
Kellnerin "Djen dobry!" ("Guten Tag!")
Ich: "I am sorry, but this is the only word I can say in polish. Do you speak any english?"
Kellnerin "Czrkzik mltplczektuzuije chchzplacic moskujankrzik..." (oder so eine ähnliche Lautfolge)
Ich: "Aha!"
In dieser Situation empfiehlt es sich, ihr freundlich die Speisekarte unter die Nase zu halten, und, unter aufmunterndem Nicken, mit dem Finger auf beliebige Positionen der Karte zu zeigen, und zwar auf so viele, wie man ungefähr Gänge verspeisen möchte, plus einer Beilage zum Hauptgericht (tendenziell im dritten Viertel der Speisekarte) plus einem Verdauungswodka (stets am Ende).
Zu jedem Fingerzeig nickt man, wie gesagt, bestätigend, und sagt: "Prosch..." ("Bidde hamn wolln..."). Dann muss man nur noch sagen "Piwo, prosch!", und alles ist im grünen Bereich. Das klappt immer, erst kommt dann nämlich ein großes Piwo (Bier) und während man dieses und die folgenden (im übrigen ausgezeichneten, wenn auch meist viel zu kalt servierten) Biere leert (immer nur brav sagen "Piwo, prosch!"), unterdessen also leert die polnische Küche ihr Füllhorn über einem aus. Schmeckt alles, alles probieren! Dann, beim Abschluss des Essens und beim Bezahlen, entspinnt sich folgender Dialog.
Ich: "May I have the bill please?" (dabei eindeutige Zeichen, das Bezahlen symbolisierend, machend)
Kellnerin: "Wrclowsklatzki syczktryncjic grobsklotkaja niemiecz...." (das könnte jetzt heißen "Freilich, es freut mich sie loszuwerden...", aber angesichts der Güte des Mahles und der Freundlichkeit der Servierdüsen hab' ich es immer als "Selbstverständlich, mein Herr..." verstanden).
Rechnung kommt, die Kellnerin spricht dazu irgendein völlig unverständliches polnisches Zahlwort aus, aber wozu gibt's die Quittung, da steht's draufgeschrieben: Zu zweit fett gegessen und getrunken, selten über 25 Euro, meist viel billiger. Anständiges Trinkgeld draufhauen, artig "tschängkuije!" ("donkäschön!") sagen, dann, beim Verlassen des Lokales "Do Wiedsenja" ("Hauf Wiedersöhn!") - und fertig. Voila: wie man mit nur 5 Worten polnisch überlebt.
Übernachten funktioniert genauso. Bis hinauf zum Dreisternhotel ist für den Mittelklasse-Westler fast alles bezahlbar. In Breslau waren wir im Hotel Metropol, ein Bau aus dem 19. Jahrhundert, mitten in der Stadt, riesig groß, ein ganz klein wenig (aber nur ein wenig) heruntergekommen und von nur wenigen (aber nur ganz wenigen) real-existierend-sozialistischen Innenausstattungs-Altlasten verschandelt - aber das Zimmer dort war grösser als unsere Zwei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt. Alleine das Badezimmer hatte meinem im hessischen Ried spargelbauenden Onkel ausgereicht, um drei polnische Spargelstecherfamilien während der Saison darin unterzubringen. 60 Euro für das Zimmer, ähh: die Suite.
Nur einmal, bei einer Übernachtung in einem renovierten Schloss in der Nähe von Waldbrzych (Waldenburg), sind wir eingebrochen. Da ist nämlich beim Versuch der Ausübung der ehelichen Pflichten der Lattenrost unter der Matratze krachend zerborsten und jene samt uns unsanft auf dem Boden gelandet. Der Lattenrost war "Made in Germany".
Epilog
Nochmal nach Polen? Aber immer! Mit dem Krad? Nö. 
 Ein Wintermärchen

Folgende Version eines Wintermärchens erhielt ich in englischer Version aus Amerika. Da es eine Menge Leute gibt, die sich nicht durch "Umgangs-Englisch" durchwühlen möchten, hier nun die (freie) Uebersetzung - viel Spass beim Lesen:
8. Dezember
Pünktlich zum Abendessen begann es zu schneien - der erste Schnee zu dieser Jahreszeit - und meine geliebte Frau und ich nahmen uns einen Drink und sahen stundenlang vom Fenster aus zu, wie immer mehr grosse, federweisse Flöckchen vom Himmel herabschwebten. Wir fühlten uns an uralte Postkarten erinnert - und es versetzte uns in eine so romantische Stimmung, als seien wir frisch vermählt. Ich LIEBE Schnee!
9. Dezember
Wir erwachten und die ganze Landschaft lag unter einer herrlich funkelnden Schicht aus Neuschnee als hätte sie jemand mit einer Wolldecke bedeckt. Welch ein herrlicher Anblick! Kann es irgendwo auf der Welt einen schöneren Ort geben? Hierher zu ziehen war die beste Idee, die ich jemals hatte. Zum ersten Mal seit Jahren griff ich zur Schneeschaufel und fühlte mich wieder wie ein kleines Kind. Ich legte die Zufahrt und den Gehsteig frei. Am Nachmittag kam der Schneepflug und bedeckte die Gehsteige wieder und auch die Einfahrt, also musste ich erneut die Schaufel nehmen. Welch ein Leben: einfach perfekt!
12. Dezember
Die Sonne hat allen Schnee weggeschmolzen. Welch eine Enttäuschung. Unser Nachbar beruhigte uns und behauptete, dass wir definitiv weisse Weihnachten bekommen werden. Weihnachten ohne Schnee, das wäre ja furchtbar! Bob sagt, dass wir bis zum Ende des Winters so viel Schnee bekommen, dass wir froh sein werden, ihn wieder los zu sein. Das glaube ich kaum. Bob ist ein wirklich netter Mensch. Ich bin froh, ihn zum Nachbarn zu haben.
14. Dezember
Es schneit, es schneit, wie wunderbar! 20 cm letzte Nacht. Die Temperaturen sind auf -20 °C gesunken. Klirrende Kälte, die alles in Glitzern versetzt. Der Wind verschlägt einem den Atem, aber beim Schneeschaufeln wird mir immer schnell wieder warm. Das ist ein Leben! Der Schneepflug begrub am Nachmittag alle Wege wieder unter weissen Schneebergen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dermassen viel Schneeschippen muss, aber immerhin komme ich dadurch vielleicht wieder in Form. Ich wünschte nur, ich müsste nicht ständig so ächtzen und stöhnen vor Anstrengung.
15. Dezember
50 cm sind vorhergesagt. Ich habe mein Auto gegen einen Geländewagen mit Allrad eingetauscht. Ausserdem besorgte ich schneetaugliche Reifen für das Auto meiner Frau und 2 weitere Schneeschaufeln. Im Gefrierschrank habe ich einen Vorrat angelegt. Meine Frau wollte, dass ich ihr einen Kohleofen beschaffe, falls der Strom ausfallen sollte. Lächerlich! Wir sind doch hier nicht in Alaska!
16. Dezember
Eissturm am Morgen. Bin ausgerutscht und auf dem Arsch gelandet, als ich Salz in die Einfahrt streute. Es hat wahnsinnig wehgetan. Meine Frau hat sich halbtot gelacht, das fand ich ausgesprochen fies von ihr.
17. Dezember
Immernoch Eiseskälte. Die Strassen sind zu glatt, um auch nur einen Schritt darauf wagen zu können. 5 Stunden lang hatten wir keinen Strom. Ich musste einige Decken aufstapeln, um mich warm zu halten. Es bleibt mir nichts übrig, als meine Frau anzusehen und zu versuchen, ruhig zu bleiben. Ich vermute, ich hätte diesen Kohleofen doch kaufen sollen, aber ich werde den Teufel tun, das zuzugeben. Ich hasse es, wenn sie Recht hat. Ich kann kaum glauben, dass ich tatsächlich im eigenen Wohnzimmer erfrieren werde.
20. Dezember
Der Strom ist wieder da, aber letzte Nacht es gab weitere 30 cm von dieser verfluchten weissen Masse. Schippen war angesagt. Hat den ganzen Tag gedauert. Zweimal kam dieser verdammte Scheepflug vorbei. Habe versucht, ein Nachbarskind zu finden, das das Schaufeln übernimmt, aber alle sind ja viiiiiel zu beschäftigt mit Eishockeyspielen. Pah, alles gelogen. Habe den einzigen Maschinen- park in der ganzen Umgegend angerufen und nach einer Schneefräse gefragt - ausverkauft. Angeblich kommt die nächste Lieferung erst im März. Lüge, alles Lüge. Bob sagt, ich muss schneeschippen, sonst schickt mir die Stadt Leute, die es auf meine Kosten machen. Der lügt sich auch 'was in den Bart.
22. Dezember
Bob hatte Recht mit Weihnachten. Heute fielen wieder 30 cm von dem weissen Scheisszeug. Und es ist so kalt, dass das ganze aller Wahr- scheinlichkeit nach bis August liegen bleibt. Ich habe 45 Minuten gebraucht, um mich zum Schneeschaufeln warm genug einzupacken - und dann musste ich pinkeln. Als ich mich endlich wieder aus den Klamotten geschält, gepinkelt und mich wieder angezogen hatte, war ich viel zu kaputt, um eine Schaufeln anzupacken. Habe versucht, Bob für den Rest des Winters anzuheuern, weil der einen Pflug an seinem LKW hat. Er behauptet, selbst genug zu tun zu haben, aber das Arschloch lügt mir was vor.
23. Dezember
Heute waren es nur 5 cm, und ausserdem sind die Temperaturen schon auf 0 °C geklettert. Meine Frau meinte, ich solle heute früh die Front des Hauses weihnachtlich dekorieren. Die spinnt doch! Warum hat sie mir das nicht letzten Monat gesagt?! Sie behauptet zwar, sie hätte das sehr wohl getan, aber die lügt doch, wenn sie den Mund aufmacht.
24. Dezember
20 cm. Der Schneepflug hatte den Schnee so verdichtet, dass mir die Schaufel durchgebrochen ist. Ich dachte, ich infarkte. Wenn ich jemals diesen Scheisskerl erwische, der den Schneepflug fährt, dann zieh ich ihn eigenhändig durch den Schnee, und zwar an seinen Eiern. Ich weiss genau, dass er an der Ecke lauert, bis ich fertig bin mit der Schipperei, und dann düst er los mit 180 Sachen und befördert den ganzen Schnee wieder dahin, wo ich ihn eben erst weggeschippt habe. Meine Frau wollte tatsächlich, dass ich heute mit ihr Weihnachts- lieder singe und die Geschenke öffne. Als ob ich nicht genug damit zu tun habe, diesen gottverdammten Schneepflug abzupassen.
25. Dezember
Frohe Weihnachten! Vergangene Nacht sind wieder 50 cm von diesem Sch....-Zeug gefallen. Eingeschneit. Wenn ich nur an die Schaufelei denke, krieg ich die Krise. Mein Gott, wie ich Schnee hasse! Dann kam der Schneepflug-Fahrer und bat um eine Anerkennung für seine Dienste; ich habe ihm mit der Schaufel ein's übergezogen. Meine Frau behauptet, ich hätte schon einen schlechten Ruf. Die hat sie doch nicht alle. Wenn ich auch nur noch einmal was von "Wonderful World" höre, bring' ich sie um.
26. Dezember
Immernoch eingeschneit. Warum um alles in der Welt bin ich nur in diese Gegend gezogen? Das ist alles auf IHREM Mist gewachsen. Sie geht mir echt auf die Nerven.
27. Dezember
Temperatursturz: - 30 °C. Die Wasserrohre sind eingefroren.
28. Dezember
Erwärmung auf über -50 °C. Immernoch eingeschneit. Die Alte treibt mich zum Wahnsinn!!
29. Dezember
25 cm Neuschnee. Bob sagt, ich soll das Dach freilegen, sonst bricht es ein. Das ist doch nun wirklich das blödeste, was ich je gehört habe. Für wie blöd hält der mich eigentlich?!
30. Dezember
Das Dach ist eingebrochen. Der Fahrer des Schneepflugs verklagt mich auf 1 Million Dollar Schadenersatz. Die Frau ist wieder zu ihrer Mutter gezogen. Es sind weitere 20 cm vorhergesagt.
31. Dezember
Habe das, was vom Haus noch übrig war, in ein Lagerfeuer verwandelt. Von nun an gibt es kein Schaufeln mehr.
8. Januar
Ich fühle mich gut. Und ich liebe diese kleinen weissen Pillen, die sie mir ständig geben. Alle sind so nett! Aber warum bin ich eigentlich ans Bett gefesselt?
Soweit die freie Uebersetzung.... Also: eine schöne Winterzeit für euch alle! 
 ....ob so deutsches Management funktioniert???

Ruderer
Eine deutsche Firma vereinbart ein Wettrudern gegen eine japanische Firma. Die Japaner gewinnen mit Riesenvorsprung.
Nach der Niederlage entscheidet das oberste Management, ein Projektteam einzusetzen, um das Problem zu untersuchen. Als Ergebnis findet man heraus, dass bei den Japanern sieben Leute ruderten und ein Mann steuerte, während im deutschen Team ein Mann ruderte und sieben steuerten.
Es wird sofort eine Beraterfirma beauftragt, die eine Studie über die Struktur des deutschen Teams anfertigen.
Nach einigen Monaten und beträchtlichen Kosten kommen die Berater zu dem Schluss, dass zu viele Leute steuerten und zu wenige ruderten.
Um einer weiteren Niederlage vorzubeugen, wird die Teamstruktur geändert: Es gibt jetzt vier Steuerleute, zwei Obersteuerleute, einen Steuerdirektor und einen Ruderer. Für letzteren wird ausserdem ein Leistungsbewertungssystem eingeführt, um ihm mehr Ansporn zu geben.
In nächsten Jahr gewinnen die Japaner mit einem Vorsprung von fast einem Kilometer. Das Management entlässt den Ruderer wegen schlechter Leistungen, verkauft die Ruder und stoppt alle Investitionen für ein neues Boot.
Der Beratungsfirma wird ein Lob ausgesprochen, und das eingesparte Geld wird dem oberen Management ausgezahlt. 
 Wenn mein Chip mit Andrea funkt

Tagebuchnotizen aus dem Jahr 2020 - Schöne Virtuelle Welt, in der manches so ist wie früher
Berlin - Wie sieht die Welt im Jahr 2020 aus? Welt-Redakteur Gerhard Charles Rump hat sich in die Zukunft phantasiert und ein virtuelles Tagebuch geschrieben.
031000 Uhr:
Früher war das mal 8 Uhr und 5 Minuten in der Frühe.Seit Einführung der MIST (Multiple International Standard Time) vor 15 (früher 18) Monaten hat der Tag 10 Stunden zu je 100 Minuten zu je 100 Sekunden. Und das Jahr 10 Monate zu je 30 Tagen. Den Computern ist es nämlich wurscht, dass dadurch die Jahreszeiten immer wieder mal in anderen Monaten beginnen. Der Wecker weckt mich. Ausser mir hört das niemand. Mein Chip, irgendwo links in der Nähe von irgendsoeinem Ventrikel, sendet den Weckimpuls, funkgesteuert, direkt ins Wachzentrum. Ich nehme meine Armbanduhr, tippe den Wiederholungsbefehl ein und drehe mich noch mal um.
031500 Uhr:
Jetzt heisst es aufstehen, da hilft nichts. Blaumachen geht nicht, da mein Chip die Daten über meinen Gesundheitszustand permanent an den Zentralrechner meines Arbeitgebers funkt. Der Vorteil: Sollte ich nächstens drohen, "abzustürzen", kommt der Notarzt von alleine. Den Code zum Entriegeln meiner Wohnungstür hat er. Mit dem ersten Weckimpuls ist meine Kaffeemaschine angesprungen. Der integrierte Früfstücksteil bleibt kalt. Ich frühstücke immer noch lieber im Bistro an der Ecke. Die Morgenzeitung auf dem Papierbildschirm unterrichtet mich über das, was man für berichtenswert hält. Nur in den Sparten, die ich bestellt habe. Microsoft, der einzig verbliebene Software-Konzern (alle anderen sind geniale kleine Krauter in Garagen) meldet die Markteinführung des ersten 750-Gigahertz-Chips und eines Speicherchips mit 924 (warum so eine krumme Zahl,? Hat sich die Regierung da klammheinlich was reservieren lassen?) Terabyte Kapazität. Die Werbung, speziell für mich als Mitglied verschiedener Zielgruppen abgestellt, blinkt. Mist, ich muss das Programm updaten, dass sie bisher ausgeblendet hat. Ich tippe ein entsprechendes Memo per Armbanduhr in meinen Chip (den da am Ventrikel) . Zu passender Zeit wird er mich daran erinnern. 035300 Uhr: Im Büro am Computer blinkt die Nachricht, dass ich 86 e-mails habe. Ich rede mit dem Rechner, er beantwortet sie automatisch und schickt die Antworten selbstständig los und legt eine Kopie im Archiv ab. Die Produktionsprotokolle der vollautomatischen Fabrik melden, dass in Sektion 14 die Qualität um 0,3% abgenommen hat. Ich starte den kakerlakenförmigen Roboter, der nachjustiert; die vollautomatische Nachjustierung hat noch Softwareprobleme. Auch das ist gleich geblieben.
060000 Uhr:
Andrea ruft an. Die Konversation kann niemand hören,sie geht von Chip zu Chip. Die anderen Anrufe habe ich zum Computer umgeleitet. Er meldet sich. Ein chinesischer Geschäftspartner hat angerufen; was er in Chinesisch gesprochen hat ist direkt ins Deutsche übersetzt worden. Meine Bank beschwert sich, dass ich mein Saldo noch nicht ausgeglichen habe: 237 Mondo im Soll. Der "Euro" war kurzlebig - zu erfolgreich. Um die amerikanische Wirtschaft zu retten - von den anderen Volkswirtschaften ganz zu schweigen - wurde vor fünf (früher sechs) Monaten die Weltwährung Mondo eingeführt (1Euro = 1 Mondo); eigentlich nur eine Namenskorrektur, die alten Scheine und Münzen gelten vorerst weiter neben den neuen; man braucht ja ohnehin kaum noch Bargeld, wird alles per Chip verbucht. Ich behalte meine Armbanduhr als Schnittstelle zur Kasse, habe keine Lust auf ein Interface-Implantat in der Hand.
063000 Uhr:
Der Hypermarkt hat zwar noch auf, aber warum soll ich dahin laufen? Kann ich doch alles Ventrikel-Chip bestellen. Und das Angebot als inneres Bild mit dem Ding im Kopf angucken. Noch habe ich ein paar Mondo Überziehungsspielraum Aber halt - heute ist da doch diese sexy Kassiererin da. Also gehe ich doch. Genauer: Ich fahre. In einem der "Collectivos", die führerlosen, umweltfreundlichen Fahrzeuge, die für alle zur Verfügung stehen. Mit Photonenantrieb. Aus dem Auspuff kommen keine Abgase, nur Schatten. Oh je, die haben nur noch eine Kasse mit Armbanduhr-Interface, alle anderen benötigen nur noch das Auflegen der Hand. Entsprechend lang die Schlange. Und die sexy Kassiererin überwacht 12 Hand-Interface-Kassen. Was schief gehen kann, geht schief. Auch das hat sich nicht geändert.
070200 Uhr:
Der digitale Türwächter an meinem Club identifiziert mich durch einen Retina-Scan. Die Tür geht auf. Nach einem Cocktail mit "Nalco", einem Alkohol-Derivat mit Rauschgrenze (Volltrunkenheit unmöglich) gehe ich zur "Musikbox". Eine nachgebaute Wurlitzer aus den 1940ern. Ich tippe etwas ein, aber keine Musik, sondern das Holografie-Programm, das ich erleben möchte. Ich trete in die Holo-Box ein. Sonne, Strand, Palmen und plantschen im Meer. Das nach meinem Erinnerungsbild programmierte Hologramm von Pepita ist richtig "echt". Ich habe sie aus dem Haar, das ich von ihr habe, noch nicht klonen lassen, obwohl es nur noch 18(neue) Monate dauerte, bis sie erwachsen wäre. Die Datenbank mit den Erinnerungen und dem Wissen, das ihre Persönlichkeit ausmachte, ist noch nicht vollständig genug. Mein telehypnotisches Beeinflussungsprogramm (illegal, ich weiss, aber das ist mir, horribile dictu, piepegal) ist noch nicht gut genug abgestimmt, ich komme an die Erinnerungen an sie bei einigen Leuten, die sie gut gekannt haben, nicht richtig heran. Ist aber nur eine Frage der Zeit.
080200 Uhr:
Ich liege im Bett. Über den Papierbildschirm bewegen sich die TV-Bilder. Hier funktioniert das Programm zur Werbeunterdrückung noch. In den Nachrichten verliest eine Sprecherin (auch nur ein Hologramm) die Meldung, dass die Regierung beschlossen hat, Informations-UnterdrüCupspiel zu verbieten (damit ist mein Werbekiller gemeint). Da droht ein Konflikt, denn die gibt es nur als Download im Internet, und das ist - noch - frei. Wahrscheinlich werden die Behörden einen Wurm einspeisen, der die Dinger fressen soll. Den Magen soll er sich verderben! Ich rufe Bookie an (per Chip, aber umgeleitet über meine Scrambler-Box, die einzige Möglichkeit, vor Abhörern einigermassen sicher zu sein). Wir erörtern die Frage, ob man die wahrscheinlichen Regierungswürmer nicht identifizieren und auf ihre Ursprungsrechner umleiten kann. Es müsste gehen. Für jedes Gift gibt es ein Gegengift. Auch das hat sich nicht geändert.
080900 Uhr:
Ich überlege, ob ich schlafen soll oder das Schlafunterdrückungsprogramm aktiviere. Lieber schlafen, am Wochenende kommt Andrea, da will ich ausgeruht sein. Auch das hat sich nicht geändert.
Quelle: DIE ZEIT Nr.11/99


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