17.01.2019 :: ###SPRACHE### :: ###DRUCKVERSION###
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Die alten und neuen Highlights von Edinburgh

Die Dächer von Edinburgh
Häuser auf dem Schloßhügel
Pinten am Grass Market
Schlossgelände
Schlossgelände
Blick auf die Bühne im Schlosshof
Blick auf das Schloss
Dudelsackspieler am Scott-Denkmal
Werbeplakat für's Dungeon
Immer noch auf Standrundfahrt
Edinburg ist dicht bebaut
Von der Brücke in die Lücke...
I'm queueing in the rain...
Tatoo total
Alle Bands
Formations-Dudelei
Südafrikaner: ganz in Weiß
China hält die Fahne hoch...
...und bläst uns den Marsch!
Feierliche Beleuchtung

Ungewöhnlich früh für unsere Verhältnisse begannen wir den neuen Tag: um 8 Uhr befand ich mich schon unter der Dusche, hatte uns einen löslichen Kaffee zubereitet und freute mich auf das britische Frühstück. Zwei Dinge wussten wir bereits: erstens würde die vielköpfige Reisegruppe des selben Reiseveranstalters bereits um 9 Uhr zu einer längeren Bustour aufbrechen, was uns zu einem hoffentlich ruhigem Familienfrühstück verhelfen würde; zweitens würde es ein Buffet geben mit Zutaten, die nicht dem entsprachen, was sich ein Deutscher so unter Frühstück vorstellte.

 

Erstaunlicherweise fanden wir neben diversen Zutaten für Müsli, frisch gepressten Säften, Joghurt, kleinen Käsepäckchen und Margarine-Schälchen auch noch Brötchen (die leider eher die Konsistenz von Stütchen hatten) und etwas Salami vor. Damit konnte man auch als Kontinental-Europäer etwas anfangen. Mit gut gefüllten Tellern am Tisch eintreffend wurden wir mit der Frage überrascht, ob wir "something cooked" bestellen möchten.

 

Die zusätzliche Speisekarte enthielt unter anderem "Original Scottish Breakfast", Eier (Rührei = scambled eggs, gekochte = boiled eggs, gebratene = fried eggs sowie "poached eggs", was so viel wie verlorene Eier bedeutete) und Kippers (geräucherten Fisch! Bückling zum Frühstück? Brrrrr!). Wir ergänzten Tee respektive Kaffee lediglich mit gekochtem Ei und fanden damit unser Früstück (Croissants, Toast, Marmelade und Butter befanden sich am Tisch) reichhaltig genug. So gestärkt brachen wir auf zu unserer zweiten Entdeckungstour durch Edinburgh.

An unserer Ankunftstation "Haymarket" vorbei begaben wir uns Richtung "Waverley Bridge", dem Startpunkt jeder Stadtrundfahrt. Dort bestiegen wir einen der Sight-Seeing-Tour Busse, die dort alle paar Minuten abfuhren. Vom Reiseveranstalter hatten wir einen Gutschein für eine Linie erhalten, die in 7 verschiedenen Sprachen über die Höhepunkte der Stadt berichtete.

 

Beim Einstieg erhielten wir Kopfhörer, mit denen wir uns am Sitz in das Infosystem einklinken konnten. Natürlich hätten wir jederzeit unterwegs aussteigen können, z.B. am Grass Market, einer kleinen Geschäftsstrasse, auf der sich nicht nur Szenekneipen sondern auch das Museum of Childhood befand oder auch der Hinrichtungsplatz für Verbrecher und Hexen. Lisa blieb besonders die Schilderung im Gedächtnis, nach der ein als unredlich enttarnter Markthändler (der nicht bzw. falsch geeichte Gewichte verwendete) an seinem Ohr an einen Balken genagelt oder einem geschwätzigem Weib die Zunge durchstoßen wurde.

 

Viele Sehenswürdigkeiten weckten unser Interesse. Zum Beispiel die Ausstellung Our Dynamic Earth, das Museum of Scotland oder auch das berühmte Edinburgh Castle. Aber wir waren so gespannt auf jede weitere Neuigkeit, dass wir doch ohne Unterbrechung im Bus sitzen blieben und total beeindruckt an der Ausgangsstation Waverley Bridge den Bus wieder verliessen. Was wollten wir uns nur zuerst ansehen?

Inzwischen war es erneut Mittag geworden. Also peilten wir einen der Imbissbuden im nahen Einkaufszentrum "Mall" an. Angeblich gab es zwar die "world best hotdogs" an dem Stand von "Rollover Hotdogs", aber weder waren die Würstchen besonders überzeugend, noch gab sich der dienstbare Mensch hinter dem Tresen besondere Mühe, für Begeisterung zu sorgen.

 

Seine (im Grunde positive) Info, dass bis 14 Uhr ein Sonderpreis für das bestellte "original New York Meal" gelte, kam dermassen negativ rüber, dass ich an meinen Englischkenntnissen zweifelte und schon befürchtete, wir bekämen nichts oder wir sollten gefälligst nach 14 Uhr wiederkommen. Wenn der Mann doch einfach nur von einem "bargain" gesprochen hätte, dann wäre mir gleich klar gewesen, dass wir einen Schnapper gemacht hatten (statt 3 Pfund 49, schlappe 1,99 für ein Würstchen in halbem Baguette mit einer kleinen Tüte Pommes und einer Cola - wenn das kein Sonderpreis war!). Nun ja, wir wussten ja, dass Schottland nicht gerade zu den billigen Pflastern Europas zählt. Frisch gestärkt wagten wir uns in die nächste und jüngste Attraktion dieser alt-ehrwürdigen Stadt: das Edinburgh Dungeon (ADAC-Mitglieder haben verbilligten Eintritt).

Als wir nach kurzer Wartezeit in den doch sehr düsteren Gängen dieser Folterkeller-Imitation endlich zum Kassenbereich vorgedrungen waren, wussten wir auch bald, warum nirgends vor der Eintrittsregion eine Preistafel aufgestellt war. Knapp 25 Pfund (umgerechnet 75 gute deutsche Mark bzw. knapp 40 Euro) mussten wir an Eintritt hinblättern. Donnerwetter! Aber wer macht jetzt noch einen Rückzieher nach der Wartezeit und wo wir doch schon eine Fotoaufnahme mit Horst als Dilinquenten und Lisa und mich als Henkersleute hinter uns hatten? Ausserdem befanden wir uns im Urlaub und waren frohen Mutes, etwas einmalig Sehenswertes vorzufinden. Also los!

 

Im nächsten Raum empfing uns eine düstere Richtergestalt in einer als Gerichtssaal gestalteten Szene. Die Frau wies uns unsere Plätze zu, begrüsste uns mit einigen sehr schwer verständlichen Phrasen und berief als ersten abzuurteilenden Angeklagten direkt unsere Lisa zu sich in den Gerichtsstand. Allem Anschein nach hatte sich Lisa ein schwerwiegendes Verbrechen zu Schulden kommen lassen. Der Gestik nach zu urteilen, hatte sie wohl ihren eigenen Popel anderen in den Nacken geschnippt und wurde somit verurteilt, den Popel diverser Personen zu sich zu nehmen.

 

Es war wohl gut, dass wir alle nur die Hälfte von dem verstanden, was die Richterin sichtlich erregt und massregelnd von sich gab. Mit der ebenfalls abgeurteilten Familie, die offenbar sehr viel mehr verstanden hatte und demzufolge aus dem englischen Sprachraum stammte, wurden wir in die nächsten Räume des Verliesses geschickt.

Hier erfuhren wir die Wahrheit über die mittelalterlichen Sitten einer britischen Grossstadt. Das reichte über Folterwerkzeuge und -methoden (besonders ekelig in meinen Augen: der Verurteilte, dem ein mit glühenden Kohlen beladenes Gerüst auf den Oberkörper platziert wurde, unter dem sich eine Ratte durch den menschlichen Körper ins Freie frass, um der Hitze zu entgehen) bis zur Mitteilung, dass der Ruf "Vorsicht Wasser" oft dem Entleeren der Bettpfannen oder -kübel durch's Fenster auf die Strasse hinaus voraus ging.

 

Leider waren die Beschriftungen der Informationstafeln an den Ausstellungsstücken nur schlecht bzw. gar nicht zu lesen. Das verdarb den doch recht guten Eindruck insgesamt. Im Verlauf der Ausstellung folgten dann die krampfhaft auf Komik getrimmte Vorführung einer Obduktion (den damals unter Strafe gestellten Leichenraub zu Forschungszwecken thematisierend), eine Fahrt auf einem (leider total dunklen) unterirdischem Fluss mit unzuordnebarem Gekreische in den vorderen Reihen des Bootes über Dinge, die uns in den hinteren Reihen leider verborgen geblieben waren sowie der Besuch bei einem Menschenfresser (alles erinnerte eher an schlechte Jahrmarktsscherze).

 

Der Kerkerbesuch war in unseren Augen ein Erlebnis, das schwer an einen Geisterbahnbesuch erinnerte und mitnichten das stramme Eintrittsgeld wert war. Im hamburger Schwesterbetrieb liegen die Eintrittspreis übrigens bei 12,50 Euro pro Erwachsenem und 9,50 Euro pro Kind (bis 14) bzw. 34 Euro für ein Familienticket (2 Erwachsene, 1 Kind, 1 Souvenirheft!), falls bei der Lektüre das dringende Bedürfnis entstanden sein sollte, sich selbst einmal auf die Spuren mittelalterlicher Kerkerszenen zu machen. Wir empfanden den Besuch als eine einzige Enttäuschung. Etwas demoralisiert traten wir den Rückweg zum Hotel an, in dem wir vor dem Abendessen noch einen Kaffee genossen und uns ein wenig Entspannung gönnten.

In weiser Voraussicht - immerhin stand um 21 Uhr der Besuch des Edinburgh Tattoo auf dem Programm - hatte ich um ein Abendessen um 18 Uhr statt der hier üblichen Uhrzeit (19:30 Uhr) gebeten. Wieder fanden wir die Speisefolge absolut schmackhaft). Die Karten für die Pipes-and-Drums-Veranstaltung hatten wir bereits von Deutschland aus per Internet bestellt und uns auf der Internetseite der Veranstaltung im Vorfeld informiert, was uns erwarten würde.

 

Wenn wir nicht in den Wochen vor der Reise einmal eher versehentlich in eine Fernsehaufzeichnung der Veranstaltung aus Vorjahren gezappt hätten, wäre uns gar nicht der Gedanke daran gekommen, dass eine "Militärveranstaltung" uns Spaß machen könnte. Ein Linienbus beförderte uns zum Grass Market, wo wir uns in die recht lange Queue zum Event einreihen konnten. Für 5 Pounds erstanden wir noch ein Programm, das aber vor dem einsetzenden Regen geschützt in der mitgelieferten Plastiktüte verblieb.


Mit der "guten alten" Marschmusik hat das Edinburgh Military Tattoo absolut nichts zu tun, obwohl gerade der diesjährige Teilnehmerkreis für Diskussionen unter friedliebenden Menschen gesorgt hat. An einer Fassade auf dem Weg zum Castle prangte deutlich sichtbar das Banner "Free Tibet" aus Protest gegen die Gruppe aus der Volksrepublik China. Passend dazu erhielten wir einen Info-Zettel der Falun Gong zugesteckt! Nachdem wir die Durchlasskontrollen passiert hatten (es waren keine Regenschirme zugelassen, nur Regenjacken bzw. Ponchos!), liehen wir uns Sitzkissen für die Veranstaltung und nahmen auf unsen Sitzen in den oberen Reihen des Blocks D platz.

Der Ansager begrüßte unter viel Beifall Zuschauer aus dutzenden Nationen und bedankte sich u.a. bei der Royal Air Force für Ünterstützung der Veranstaltung. Mit einer erstaunlichen Präzision trotz des Regenwetters donnerten später drei Tornados über unsere Köpfe hinweg und Lisa zuckte bei unerwarteten Gewehrschüssen heftig zusammen. Das blieben allerdings die einzigen deutlichen Hinweise auf die Verbindung zwischen Musik und Kampfeinsatz.

 

Am Ende der Vorstellung waren wir uns einig, dass die perfekt einstudierte Präsentation der Chinesen alles andere als Party-Stimmung auslöste: die fahnenschwingenden Frauen erinnerten fatal an die Jubel-Bilder der Mao-Epoche. So richtig die Post ab ging z.B. bei der Version von "The Lion sleeps tonight" der Südafrikaner (ganz in weiß). Leider waren uns die Texte der meisten schottischen Lieder nicht geläufig, wenn wir auch die Melodien von "Scotland the Brave" und anderen mitsummen konnten.

Zwar waren wir fast ununterbrochen dem strömenden Regen ausgesetzt und dementsprechend zum Schluss ziemlich nass, aber wir waren uns alle einig, dass sich die rund 53 Pfund für die Karten zzgl. 3 Pfund Leihgebühr für die Sitzkissen (eine Wohltat für die Couch-verwöhnten Pobacken) absolut gelohnt hatten. Dieses Live-Erlebnis sollte sich niemand entgehen lassen, der die Gelegenheit dazu hat! Ziemlich erschöpft, aber positiv beeindruckt, begaben wir uns zur letzten Übernachtung zurück ins Hotel Greens.

Die aus dem Veranstaltungsgelände quellenden Menschenmengen zerliefen sich recht schnell in den Straßen Edinburghs, und so bekamen wir sogar Sitzplätze in unseren Linienbus, den wir in der Nähe der Bahnstation Haymarket verlassen mussten. Der verbleibende kurze Fußweg war trotzt anhaltendem Regenwetter kein Problem. Ein Blick auf die Uhr: fast Mitternacht. Trotz fortgeschrittener Stunde erhielten wir vom Barmann noch Kaffee und Tee, um uns ein wenig aufzuwärmen, und dann ging es ab ins Bett.

Von der schon mehrfach erwähnten Bahnstation Haymarket würde unser Zug am nächsten Morgen um 11:26 Uhr Richtung Bridge of Orchy abfahren.