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Am Kap Arcona

Heute wollten wir uns ganz bewusst viel Zeit lassen bevor wir uns wieder in die Sommersonne stürzten. Trotz dick aufgetragenem Sonnenschutz hatten wir an den exponierten Stellen leichte Hautrötungen davon getragen – Sonnenbrand. Das wollten wir eigentlich vermieden haben. Aber als typisch blasshäutige Mitteleuropäer hat man bei diesen Wetterverhältnissen wahrscheinlich keine Chance.

 

Dem ausgiebigem Frühstück folgte ein noch ausgiebigeres Pläneschmieden, bei dem wir auf den hauseigenen Fundus vorhandener Bücher über Rügen zurückgriffen (die überwiegend aus DDR-Zeiten stammten), um mögliche Besonderheiten unseres Urlaubsortes ausfindig zu machen. Prompt stießen wir auf einige Zeilen zum historischen Seepostbetrieb zwischen Stralsund und Ystad (Schweden), der bereits in seinem ersten Betriebsjahr 1683(!) den Bau des Wittower Posthauses notwendig machte. Den Hafen von Wittow steuerten jeden Donnerstag die aus Ystad zurückkehrenden Schiffe an, solange Eisfreiheit bestand. Die Reisegebühren laut Tarifordnung von 1747(!) entbehren nicht einer gewissen Skurrilität: 

Ein Herr, Frau oder Jungfer

3 Taler 21 Schillinge

Ein Diener oder Mädchen,

so in Diensten ist

2 Taler 39 Schillinge
Handwerks-Mann, Fau oder Gesell2 Taler 24 Schillinge
Ein Pferd4 Taler 24 Schillinge
Ein ganz verdeckter Wagen6 Taler
Eine Tonne Butter, Seife, Salz o.ä.24 Schillinge
Ein Oxhoft Wein1 Taler 24 Schillinge
Eine Leiche8 Taler 12 Schillinge

Derjenige, der die Post Jagt für sich selbst oder zur extra-Reise haben will

75 Taler

      

Gegen Mittag traten wir unsere Autofahrt Richtung Putgarten (nicht zu verwechseln mit Puttgarden an der Nordspitze von Fehmarn!) an. Kurz hinter Bergen trafen wir auf ein verwirrendes Verkehrsschild, das auf die Sperrung einer Brücke bei Sagard (sehenswert hier: das Schloss Spyker) und eine Umleitungsempfehlung hinwies. Später stellten wir fest, dass dieses Schild lediglich für den Verkehr nach Sassnitz relevant war. So hatten wir unter heftigem Protest unseres Navigationsgerätes einige Kilometer Umweg zurückgelegt und zudem einige Zeit in einer wortwörtlich kilometerlangen Schlange bei Lietzow verbracht.

 

Beim Durchfahren der Ortschaft erkannten wir auch den Grund für diesen Stau. Warum man mitten auf einer Hauptzubringerstraße gleich mehrere Fußgängerampeln hintereinander baut, wird uns auf ewig ein Rätsel bleiben. Eine Fußgängerbrücke würde hier sicher helfen, die Verkehrssituation zu entschärfen. Durch das Nadelöhr Lietzow muss jedenfalls jeder fahren, der über Bergen und die Schaabe Kap Arcona erreichen möchte. Eine Alternative hätte über die westlich gelegene Verbindungsstraße mit einer Fährverbindung über den Breetzer Bodden bestanden, was uns aber erst beim späteren Studium unseres Reiseführers auffiel. Ob dieses Nadelöhr allerdings weniger befahren sein wird als die Strecke über die Schaabe, lassen wir mal dahingestellt.

 

In Putgarten eingetroffen entrichteten wir die Parkgebühr von 3 Euro und erwarben eine Fahrkarte für den Zubringer – ein im Stil der Bäderbahn gebautes Fahrzeug mit Wasserstoff-Antrieb – zum Kap Arcona (Hin- und Rückfahrt: 3,50 pro Person). Den Fußweg zwischen Kap Arcona und der nahen Ortschaft Vitt (rund 1 km) trauten wir uns trotz der Nachwirkungen des vorangegangenen Wandertages ohne weiteres zu. Die beiden berühmten Leuchttürme von Kap Arcona ließen wir links liegen und machten uns auf in Richtung Slawenburg und Peilturm (Kombiticket für den Besuch: 2 Euro) auf der Strecke nach Vitt.

 

Einige hundert Meter weiter ergriffen wir die Möglichkeit, an den Strand hinunter zu gehen („Veilchentreppe“), um die Steilküste auch einmal von dort zu besichtigen. Sinnigerweise war der eindrucksvolle Küstenvorsprung mit dem Hinweis „Vorsicht, Lebensgefahr“ gekennzeichnet und abgesperrt - wahrscheinlich aufgrund der jüngeren Abbrüche, die dort stattgefunden und das Gesicht der Steilküste deutlich verändert haben. Also machten wir uns immer am Ufer entlang auf den Weg nach Vitt.

 

Die hier sehr steinige Küste war zwar nicht einfach zu begehen, aber der Rückweg über die Treppe erschien uns in Anbetracht der Abstände zwischen den einzelnen Stufen (wahrscheinlich für Riesen gebaut) als noch unbequemer und anstrengender. Am Ende des Weges hatten wir einige lohnende Aufnahmen gemacht, den Seewind genossen und freuten uns auf eine Kaffeepause, die wir im einzigen Eis-Café vor Ort einlegten. Das Lokal war gut besucht und überzeugte uns trotz der Selbstbedienungsphilosophie durch sehr schmackhaften hausgemachten Kuchen und Capuccino.

 

Den Rückweg traten wir dann auf dem ausgewiesenen Wanderweg (1,2 km) an. Offenbar befindet sich im Leuchtturm von Kap Arcona auch ein Standesamt. Einige Platten im Vorhof der Anlage bezeugten die Namen und Daten derer, die sich hier (seit 1999) haben trauen lassen. Mittendrin fehlte eine Platte, was zu Witzen unter den Umstehenden darüber führte, wie sinnstiftend Eheschließungen mit großem Aufwand seien. Inzwischen war es bereits früher Abend, also beschlossen wir, die nächste „Bahn“ zurück zum Parkplatz zu nehmen und den Heimweg anzutreten, wo wir kurz nach 20 Uhr eintrafen. Zeit, sich einen Tisch für ein Abendessen zu suchen.

 

Die nahe Fischgaststätte war wie nahezu immer bis auf den letzten Platz besetzt, also mussten wir wohl oder übel in den Ort aufbrechen. Unsere Wahl fiel spontan auf das „Ristorante Del Mare“, was sich als gut erwies. Das Preis-Leistungsverhältnis war absolut in Ordnung, und auch das Eis zum Nachtisch schmeckte klasse. Für Irritationen auch bei der Bedienung sorgte Live-Musik aus der Nachbarschaft, deren Quelle wir nach dem Essen ausmachten: eine private Geburtstagsfeier sorgte für Aufregung bei den Anliegern, was angesichts der Tatsache nicht verwunderte, dass es immerhin auf 22 Uhr zuging und in Bädern allgemein ab dieser Zeit die vorgeschriebene Nachtruhe einsetzen sollte. Genau darauf liefen denn auch die Beschwerden hinaus, die dem Gastgeber vorgetragen wurden.

 

Ob sich im späteren Verlauf eine Einigung der Parteien ergeben hat, können wir nicht sagen, denn wir verließen die Szene, die uns nicht weiter betraf, da der Lärm mit Sicherheit nicht bis an unser Haus dringen würde.