12.12.2018 :: ###SPRACHE### :: ###DRUCKVERSION###
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Entdeckungsreise in Bath
Modell der historischen Anlage, Siedlung im Vordergrund rund um den Schornstein
Abstich-Simulation
Guss-Simulation
Projektion historischer Fotos
Reste eines Hochofens
Werkhallen
Arbeitersiedlung (Position des Schornsteins im Zentrum angedeutet)
Blick auf die Werhallen und den Wiegeturm
Wohngebäude
Das Klingebrett
Up-stairs, down-stairs
Typische Häuserzeile in Barth
Unser Platz im Garten
Kanalszene mit Kanalschiff
Kanalszene
Wohnen auf den Hügeln von Bath
An der Pulteney-Bridge
Pulteney-Bridge von hinten
Die Kaskaden von Bath
Häuser am Avon
Der örtliche Bowling-Club
Lagebesprechung
Cricket-Club

Weltkulturerbe in Wales - Kulturschock in Bath

Wir arbeiten bei einem Unternehmen, das als Zulieferer der Eisen- und Stahlindustrie einen besonderen Bezug zur Branche und seiner Geschichte hat - mal ganz abgesehen vom nicht enden wollenden Strukturwandel unserer Heimatregion.

 

Darum nutzten wir selbstverständlich am Abfahrtstag von Wales in Richtung England die Gelegenheit, die Ursprünge der Stahlindustrie zu besichtigen: die Blaenavon Ironworks (noch in Wales). Völlig zu recht hat die UNESCO auch hier das Siegel Weltkulturerbe verhängt! Die amerikanische Verband der Stahlindustrie hat bereits 1985 die historische Relevanz der Anlage anerkannt und eine entsprechende Tafel angebracht.

 

Die teilweise aus dem 18. Jahrhundert(!) stammende Anlage ist in einem überraschend guten Erhaltungszustand und mit einigen hoch-modernen Gimmicks bedacht worden. So standen wir einigermaßen sprachlos vor Staunen und Ehrfurcht in einer Produktionshallen und ließen uns an die Wurzeln der Stahlherstellung zurückführen. Schwer beeindruckend!

 

Jeder Stahlwerker - ob in Europa, in Amerika oder sonst auf der Welt - kennt das nach seinem Erfinder benannte Thomas-Verfahren, das hier entwickelt wurde. Auch Herr Bessemer dürfte branchenweit bekannt sein.

 

Mithilfe der Animationen und akustischen Erläuterungen werden Arbeit und Leben an diesem Ort lebendig. Anke hat von der Simulation eines "Pig Iron" Gusses ein Filmchen mit ihrer Kamera gemacht, das ihr euch unbedingt ergänzend ansehen solltet, wenn euch die Fotos gefallen.

 

Anhand des Modells am Eingang kann man gut erkennen, wie enge verknüpft Arbeit und Leben der hier beschäftigten Familien - Vater, Mutter und Kinder! - durch den rund um die Uhr stattfindenden Betrieb des Hochofens waren.

 

Der Bau des hohen Schornsteins direkt vor den Quartieren brachte den Menschen ein wenig Erleichterung, vernehmen wir dem Bericht. Lärm, Dreck und Gestank müssen trotzdem kaum erträglich gewesen sein. Dieses Leben muss tatsächlich "die Hölle" gewesen sein, in der wir auf den Schautafeln willkommen geheißen wurden.

 

Den Vergleich zu Zollverein hinsichtlich der Anschaulichkeit braucht das Museum auf keinen Fall zu scheuen. Was waren wir froh darüber, kurz vor unserer Reise in einer TV-Dokumentation von diesem Ort erfahren zu haben. Anfang des 20. Jahrhunderts, als mit dem Abbau von Kohle mehr Geld zu verdienen war, wurde der Betrieb eingestellt.

 

Leider verblieb nicht genug Zeit, auch noch die mächtige Kohlenmine "Big Pit" zu besuchen, auf die man sich produktionstechnisch in der Folge konzentrierte (noch bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wohlgemerkt). Das wäre die ideale Ergänzung unserer "Studienreise" gewesen.

 

Um so härter traf uns bei Eintreffen an unserem Quartier in Bath der Kulturschock in Form der Gastgeberin (die im übrigen perfekt Deutsch sprach, weil sie einst in Deutschland studiert hatte). Man empfing uns in Begleitung der Haushälterin Saguira, deren Ehemann rasch zum Tragen des Gepäcks herbeigerufen wurde. Widerstand erwies sich als zwecklos.

 

Die beiden Philipinen lebten "down-stairs", also im Kellergeschoss des Hauses, das einstmals der Dienerschaft der wohlhabenden Eigentümer vorbehalten war, wie wir spätestens seit der Kult-TV-Serie "Das Haus am Eton-Place" wissen. "Up-stairs" geruhte die Herrschaft zu leben.

 

Wie zum Beweis fanden wir später über dem Küchentür-Rahmen das "Klingelbrett", das dem Personal ersichtlich machte, in welchem Zimmer des Hauses gerade nach ihm gerufen wurde. Selbstverständlich erhielten wir Saguiras Handy-Nummer für alle Fälle.

 


Uns erwartete der übliche Nachmittagstee im Aufenthaltenraum auf der ersten Ebene, nachdem wir unser Gepäck in eines der Schlafzimmer auf der oberen Ebene verstaut hatten. Wenig später erfuhren wir, dass unsere Gastgeber ebenfalls verreisen würden. Da war die Freude der Gastgeberin über die Gelegenheit, endlich mal wieder Deutsch reden zu können, aber ziemlich kurz ausgefallen.

 

Auf ihre Frage, was die Haushälterin uns denn am heutigen Abend als Drink zu reichen gedenke, strahlte die junge Philipinin über das ganze Gesicht: "Champagne".

 

Wir betonten postwendend, dass uns ein schlichtes Ale nach unserer Rückkehr vom Abendessen absolut reichen würde, was bei beiden Frauen für Heiterkeitsausbrüche sorgte. Als wir später unserer Tochter von dieser Szene erzählten, ernteten wir noch einmal Unverständnis. Offenbar hätten wir zugreifen sollen, aus welchen Gründen auch immer.

 

Die Suche nach einem passenden Platz für das Abendessen, fiel unerwartet schwierig aus. Am Wochenende gehen tatsächlich auch viele Einheimische gern mal aus, sofern sie das Geld dazu haben.

 

In dem nahegelegenen Restaurant fühlten wir uns mehr geduldet als willkommen. Das Essen war ganz OK. Für den folgenden Abend würden wir uns ein anderes Lokal suchen.

 

Bei einem späteren Spaziergang, der uns vorbei am Bahnhof in die Innenstadt führte, wurde uns bewusst, wie krass die Lebensverhältnisse einiger Bewohner von denen unserer Gastgaber abwichen. In den Schaufenstern der Immobilienvermittler gab es Angebote in Preiskategorien, die sich viele nicht würden leisten können, da waren wir uns sicher.

 

Hatten wir beim ersten Lesen des am Treppenaufgang aufgestellten Schildes "Save water, drink Champagne" noch geschmunzelt, begriffen wir nach unserer Rückkehr, dass die Sache mit dem Champagner ganz und gar nicht scherzhaft gemeint gewesen war. Jetzt wurde es also ernst.

 

Die auf unseren erneut bekundeten Verzicht ungläubig eingeleitete Suche nach dem gewünschten Bier wurde glücklicherweise erfolgreich abgeschlossen. So genossen wir schlussendlich den Blick auf Garten und Schifferkanal von der Terrasse des Anwesens - ohne Champagner. Damit ging es uns gleich besser.

 

Der Kanal hatte einstmals dem Kohlentransport gedient und wurde nun samt entsprechender Kanalschiffe erholungssuchenden Zeitgenossen zur Nutzung angeboten. Wir waren ganz offensichtlich in der besseren Gesellschaft von Bath angekommen. How shocking!

 


Über Bath gibt es im Grunde wenig mehr zu erzählen als man in Wikipedia nachlesen könnte (wenn man wollte). Wir haben zur Erkundung die beiden angebotenen Bustouren sowie das Schiff genutzt, was im Grunde in jeder unbekannten Stadt eine gute Taktik ist.

 

Besonders gut dran ist, wer fortgeschrittene Englischkenntnisse besitzt, denn nur eine der Touren konnte mittels Kopfhörer auch in anderen Sprachen mitverfolgt werden. Mitbekommen respektive behalten haben wir:


Neben den Römern, denen Bath den Bau des Thermalbades und letztlich wohl auch den Namen verdankt, scheint die wichtigste Person der Stadtgeschichte ein Herr namens Pulteney zu sein, genauer Sir William Pulteney, 1. Earl von Bath (leider nur in der englischen Wikipedia erläutert).

 

In dessen Regentschaft fallen bedeutende Baumaßnahmen, die heute den Rang als kulturelles Welterbe begründen. Ihm gewidmet ist das meist-geknippste Motiv der City, nämlich die Pulteney-Bridge mit den Wasserstufen im Flusslauf. Dazu gleich noch ein paar Zeilen.

 

Von vorn ist die Brücke wirklich ein beachtliches Bauwerk. Besieht man die Rückseite, relativiert sich dieser Eindruck allerdings, wie man auf unseren Fotos gut erkennt. Auf das Ablichten der typischen Postkartenmotive haben wir verzichtet, nicht aber auf die Aufnahme typischer englischer Straßenzüge (wo wir schon mal da sind).

 


Zurück zum Fluss, dem Avon. In ganz Großbritannien gibt es einige Flüsse, die Avon heißen. Der Bootsführer klärte uns darüber auf, dass dies auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass Avon in der Sprache der Kelten schlicht "Wasser" hieß. Bekannte Städte wie Stratfort-on-Avon liegen dementsprechend ganz schlicht und einfach am Wasser/Fluss.

 

Wer sich für weitere Ursprünge für britische Bezeichnungen interessiert, findet hier einige zusätzliche Infos. Wir haben übrigens das offensichtlich sehenswerte Römerbad von Bath aufgrund des vorherschenden Andrangs (es war immerhin Sonntag) nicht besucht.

 

Es ist der Wissenschaft bis heute unklar, warum überhaupt an dieser Stelle warmes Wasser an die Oberfläche dringt. Vulkanische Aktivität scheidet jedenfalls aus, so heißt es.

 

Natürlich hat Bath nicht nur sehenswerte Bauwerke zu bestaunen, sondern auch einige - für Deutsche - bemerkenswerte Sportveranstaltungen. Es gibt mehrere Football-Plätze, auf denen leider gähnende Leere herrschte, als wir vorbeiliefen.

 

Dafür wurden wir bei unserem Rundgang zufällig Augenzeugen eines Tourniers des örtlichen Bowling-Clubs. Live und in Farbe hatten wir so etwas noch nicht gesehen. Sah ziemlich entspannt und doch heiß diskutiert aus, was die Burschen da so machten.

 

Wenige Ecken weiter veranstaltete die örtliche Mädchen-Cricket-Mannschaft offenbar ebenfalls ein Spiel. Auch diese Sportart hatten wir zuvor noch nie live miterlebt.

 

So nahe dran wie bei den Bowlingspielern kamen wir leider nicht. Und so richtig einsatzfreudig zeigten sich die Damen auch nicht. Da hielten wir uns also nicht lange auf.

 

Der Abschied von Barth fiel uns vergleichsweise leicht. Die fleißige und stets aufmerksame Hauswirtschafterin hatte ihr Bestes gegeben und doch nicht dafür sorgen können, dass wir uns in diesem Hause wohlfühlten.

 

Wir wissen natürlich nicht, welchen Eindruck wir hinterlassen haben, aber unserer blieb ambivilent. Hierhin werden wir nicht zurückkehren.

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