12.12.2018 :: ###SPRACHE### :: ###DRUCKVERSION###
Sie befinden sich hier: Reiseberichte|Deutschland / Ostdeutschland 2013 / Lenzen / 
Burg Lenzen
Der Narr
Häufchen-Machen
Das Richter-Schwein
Krawall-Brüder
Renovierungsstau in Lenzen
Nahaufnahme
Neustadtstraße 35 - Baudenkmal
Neustadtstraße 10 - Baudenkmal
Neustadtstraße 8 und 9 - Baudenkmale
Neustadtsraße 11 - Türspruch
Alt und neu im Vergleich

Hier kann man sie besichtigen: Die Narrenfreiheit

Sehr ans Herz legen möchten wir neben einem ausgedehnten Spaziergang auf der Deichkrone, den wir wegen des anhaltenden Regenwetters immer wieder vertagt hatten, auch den Besuch der Stadt Lenzen, und hier insbesondere den Gang durch den Park der Burg mit seinem beeindruckenden Baumbestand.

 

Natürlich fehlt auch in Lenzen nicht das für diese Gegend obligatorische Storchennest. Es konkurriert am Aufgang zur Burg um Aufmerksamkeit mit der bronzenen Figurengruppe „Die Lenzer Narrenfreiheit“.

Wie man auf den am jeweiligen Sockel angebrachten Tafeln nachlesen kann, steht jede der Figuren für eine Aussage, die einem Brief des Amtmannes Gijsels van Lier (1593 – 1676) an seinen Dienstherrn entstammt.

Für die nach van Lier beklagenswerten Zustände in Lenzen nach dem 30-jährigen Krieg stehen beispielsweise ein auf einem Haufen menschlicher Exkremente hockender Mann (mit deutlich abgeriebener Stelle vorn am nackten Unterkörper, die wohl auf hemmungslos zugreifende Betrachter zurückzuführen ist).

Offenbar war es zu Zeiten des Amtmannes üblich, dass sich die Bewohner Lenzens vor ihrer Haustür erleichterten und – so wörtlich aus jenem Brief - „der Mist ellenhoch auf den Gassen“ lag. Das, so van Lier, musste ein Ende haben!

Außerdem stand zu befürchten, dass man ihn mit anderen Autoritäten in einen Topf werfen würde, die auf Beschwerden der Bürger völlig unkalkulierbar reagierten.

Mitunter landeten Beschwerdeführer unversehens im Gefängnis, statt dass ihnen Recht gesprochen wurde, was in der Regel hieß, dass sie „keine Aussicht auff Fleisch-, Bier- und Bortkauff“ hätten. Sinnigerweise wird dieser unhaltbare Zustand mit der Figur des Schweins auf dem Richterstuhl dargestellt.

Van Lier schwebte zur Lösung des Problems vor, dass jede seiner Amtshandlungen aufgeschrieben werden sollte, „damit ich es eurer kurfürstlichen Durchlaucht und jedermänniglich verantworten kann“.

Und damit auch sonst „mir niemand Böses nachreden und sagen möge, dass ich die Leute nach meiner eigenen Phantasie richte und zu meinem Nutzen strafe“, bat der gute Mann gleich noch darum, neben den Amtsschreibern jeweils noch ein paar Zeugen benennen zu dürfen.

Offenbar hatte er aufgrund seiner Erfahrungen vor Ort wenig Vertrauen in diese Bediensteten. Der ein wenig verträumt-dämlich dargestellten Figur des Amtsschreibers fehlt dann auch regelmäßig die Feder, die der Betrachter doch bitte in passender Größe selbst beschaffen und in die vorgesehene Aussparung an dessen Nase stecken solle, fordert der Künstler auf. Sehr netter Einfall!

 

Die Verhältnisse in Lenzen müssen sich in der Folge wirklich sehr gebessert haben, weshalb auch Lenzener sicher ihren Spaß an diesem ungewöhnlichem Denkmal haben werden.

 

Die Offiziellen arbeiten aber nicht nur mit dem Setzen von Denkmälern daran, die Folgen der Vernachlässigung des historischen Stadtkerns zu mindern.

Seit 1991 sind laut einer Informationsschrift der Stadt Lenzen 8,14 Millionen Euro aus Fördermitteln in die städtebauliche Erneuerung Lenzens geflossen. Da reibt sich nicht nur der Ruhrgebietler die Augen und fragt sich, wer in all den frisch renovierten Straßenzügen künftig leben wird – und wovon – sowie ob und wann ähnliche Beträge auch für die Städte seiner Region investiert werden, damit auch dort die unübersehbare Vernachlässigung beseitigt wird.