24.05.2019 :: ###SPRACHE### :: ###DRUCKVERSION###
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Von der Kirche ins Jagdschloss

In einem Schloss zu wohnen

Theme day in Forres
1932 Crossley Super Silver
Rolls Royce
In Portsoy
Hafenbecken
Hafenbecken
Geschichtliches zum Hafen
Scottish Lighthouse Museum, Fraserburgh
Nebelhorn von Kinnaird Head
Leuchtturm Kinnaird Head, Fraserburgh
Leuchttürme in Schottland
Ausblick vom Leuchtturm
Ausgediente Leuchtturm-Linsen
Toreinfahrt zum Dinnet House
Känguruhs in Schottland?
Dinnet House
Zum Schloss gehört der Thron
Badezimmer
Schlafzimmer
Betten

Schweren Herzens nahmen wir nach einem ausgiebigen Frühstück Abschied von diesem in vieler Hinsicht einmaligen Haus. Wir wären gern noch ein wenig länger dort geblieben, nicht nur wegen des für schottische Verhältnisse ungewöhnlichen Frühstücks, das diesmal sogar Kochschinken enthielt.

 

Weil wir nun ja wussten, dass man seine Gastgeber nicht so früh mit seinem Eintreffen überraschen soll, wählten wir bewusst wieder einen Umweg entlang der Küste in Richtung Süden. Nach Angaben unseres Reiseveranstalters hätten wir sonst die Kurzstrecke von 80 Meilen in 2 Stunden bewältigt und wären schon vor dem Mittagessen in Dinnet House vorstellig geworden. Das ging nun auf gar keinen Fall.


Statt also entlang des Whisky Trails in direkter Linie das Land zu durchfahren, planten wir einen großen Bogen über Fraserburgh, Peterhead und Aberdeen, der deutlich mehr Zeit und Kilometer verschlingen würde.

 

Allerdings hatten wir am Vorabend die Ankündigungen eines Automobil-Treffens in Forres gelesen, wo wir unbedingt kurz gucken wollten, welche Fahrzeuge sich dort wohl einfänden. Wir hatten Glück: es waren noch genügend Parkplätze vorhanden und die langsam eintreffenden Autos in allen denkbaren Größen und Altersklassen sahen vielversprechend aus.

 

Bald füllte sich das örtliche Cricket Field im Grant Garden mit Limousinen, Transportern, Sportwagen und sogar Traktoren aus britischer, französischer, amerikanischer und auch deutscher Produktion. Bei herrlichstem Wetter schossen wir ein paar sehr schöne Fotos und traten schließlich gegen 11 Uhr die Weiterfahrt an.



An einigen Küstenorten versprachen Hinweise auf Sehenswürdigkeiten lohnenswerte Zwischenstopps. Einen solchen legten wir dann auch bei Portsoy ein, wo es einen historischen Hafen gibt, der bis ins 16. Jahrhundert zurück datiert. Mehr gibt es dort allerdings wirklich nicht zu bestaunen. Kaum eine halbe Stunde verbrachten wir dort, dann machten wir uns wieder auf den Weg.

 

Unser nächstes Ziel lautete Fraserburgh. Hier besuchten wir das Scottish Lighthouse Museum, wo wir in einer sehr humorigen Führung sehr viel Wissenswertes erfuhren über den hiesigen Leuchtturm und das ehemalige Fraserburgh Castle, in dessen Grundmauern der alte Leuchtturm errichtet wurde.



Die Familie Stevenson, so wussten wir bereits aus einer deutschen TV-Dokumentation, hatte über 3 Generationen fast in aller Welt Leuchttürme errichtet und war auch an diesem Leutturm ingenieurstechnisch beteiligt. Auch der bekannte Schriftsteller Robert Louis Stevenson ("Die Schatzinsel") gehörte dieser Ingenieurs-Familie an.

 

Für Interessierte besteht sogar die Möglichkeit, in die Stevenson-Familie einzuheiraten. Wer dies gern tun möchte, so teilte uns unser Führer mit einem breiten Grinsen mit, solle sich jedoch bald entscheiden, denn der einzige noch lebende Nachkomme sei ein betagter Herr von über 70 Jahren - mit recht ansehnlichem Vermögen. Als gelernter Rechtsanwalt habe er gelernt, wie man sein Geld vor dem Zugriff anderer schützt, zwinkerte der Scherzbold mir zu und fragte mich ebenso zwinkernd, ob ich es nicht wagen wollte.

 

Mein Abwinken wurde mit gespielter Überraschung zur Kenntnis genommen. Dann stiegen wir ganz hinauf in den alten Leuchtturm, um die ausgefeilte Leuchttechnik zu bestaunen.



Eine Art Uhrwerk, so erfuhren wir, dient als Rhythmusgeber für die Drehvorrichtung, auf der die Spiegel vor dem eigentlichen Leuchtkörper bewegt werden. Einzigartig an diesem Leuchtturm: Die Drehrichtung verläuft genau entgegensetzt zu allen anderen Leuchttürmen auf der Welt (ob das nun gegen oder mit dem Uhrzeigersinn ist, haben wir vergessen - es rächt sich, dass wir unser Reisetagebuch nicht jeden Abend pflegten).


Nach diesem ausgedehnten Museumsbesuch gönnten wir uns eine gute Tasse Cappuccino im Museumscafé und mussten erkennen, dass wir nun doch recht spät dran waren: fast 16 Uhr und noch gut die Hälfte des Weges lag vor uns. Jetzt aber schnell weiter in Richtung Dinnet!

 

Notgedrungen verzichteten wir auf den restlichen Teil der Küstenroute und setzten unseren Weg nach Aboyne respektive Dinnet nun über die Nebenstraßen durch das Landesinnere fort (noch mehr Sehenswürdigkeiten an der Strecke wären einfach zu verlockend und zeitraubend gewesen). Dabei passierten wir beispielsweise Haddo House und Inverurie, ohne Zwischenstopp und erreichten unser Ziel letztlich trotzdem kaum vor 18 Uhr.



Bei unserer Ankunft in Dinnet House fiel uns fast die Kinnlade auf den Boden, so beeindruckend ist die enorme Größe des Anwesens, zu dem ohne Übertreibung eine ungefähr eine Meile lange Privatstraße hinauf führt (wir hatten diese Passage im Prospekt unseres Reiseveranstalters zuvor nicht glauben wollen).

 

Zu Anfang durchfährt man ein wuchtiges Eisentor (mit Wächterturm!). Im Grunde fehlte hier nur noch ein Wachposten, dann wären wir vollkommen eingeschüchtert gewesen. Es erwartete uns quasie ein Zeitsprung ins 19. Jahrhundert. Man bekommt auf Anhieb einen Eindruck von der Lebensweise der hiesigen Aristrokatie, vertreten durch Sabrina nebst Gatten Marcus Humphrey. Zu unserer Erleichterung wurden wir freundlich und unkompliziert aufgenommen (Gedanken an einen Hofknicks wurden erfolgreich verdrängt).



Unsere Gastgeberin wies uns gleich zu Beginn darauf hin, dass die Wasserversorgung leider seit Freitag nicht mehr funktioniere und nun über große Tanks auf dem Dach des Hauses gewährleistet würde, die allerdings noch im Auffüllen begriffen seien. Aha. Also keine Dusche nach der langen Fahrt. Das war allerdings schon etwas hart, fanden wir.

 

Warmes Wasser würde es wohl erst später am Abend geben, und ob die Toilettenspülung funktionieren würde, stünde leider auch noch nicht fest, bedauerte die Hausherrin, und stellte uns für den Notfall zwei Wassereimer bereit - zum Nachspülen nach dem Geschäft. Das kann ja noch heiter werden, dachten wir uns.



Unser Zimmer hatte mindestens 20 qm, und auch das Badezimmer war recht weitläufig - wenigstens 10 qm schätzen wir -, ausgestattet mit Badewanne, Waschbecken, gleich zwei Anrichten, einem Kleiderschrank(!) sowie einem Handtuchwärmer (erstaunlich heiß werdend und nicht abzustellen, trotz hochsommerlicher Temperaturen).

 

Später erfuhren wir, dass Dinnet House insgesamt über 46 Räume verfügt, verteilt auf 3 Stockwerke. Wieviele davon tatsächlich bewohnt werden, haben wir nicht erfragt. Die Kinder der Familie wohnen nicht mehr vor Ort, weshalb das Haus leider recht lehr geworden sei, merkte Sabrina etwas traurig an. So oder so wird der Unterhalt dieser Immobilie und seines üppigen Grundstückes wohl enorme Ressourcen verschlingen.



Von jeder Wand und von jeder Anrichte sprang uns die Verbundenheit der Gastgeber mit dem britischen Königshaus an. Briefe, offenbar von Ihrer Hoheit der Königin selbst geschrieben, werden in Rahmen präsentiert. Fotos, Urkunden, Gemälde, allesamt wie aus einer anderen Welt - wir fühlten uns trotz der herzlichen Gastfreundschaft von Anfang an irgendwie fehl am Platze. Ob wir wohl zielsicher in irgendwelche Fettnäpfchen treten würden?

 

Obwohl wir von unserem Aufenthalt in der alten Kirche in Dyke hohe Decken und viel Plazt gewohnt waren, erschien uns in diesem Haus alles ziemlich überdimensioniert. Bald nach unserer Ankuft brachen wir auf Anraten unserer Gastgeberin ins benachbarte Balatar auf, um zu Abend zu essen. Unsere letzte Malzeit lag ja schon mehr als 10 Stunden zurück.



Die Wahl fiel schicksalhafterweise auf den einzigen Italiener am Ort, der sich als wenig empfehlenswert entpuppte. Nicht nur, dass das dort verzehrte Steak alles andere als gut war. Den Höhepunkt bildete die Rechnungslegung.

 

Statt der Standardbeilage Gemüse hatten wir alternativ um Side Salat gebeten, also eine Salatbeilage. Letztendlich fanden sich die beiden Salate als separater Posten in voller Höhe auf der Rechnung wieder. Wir baten also die Bedienung, die Rechnung zu erläutern, woraufhin diese für geraume Zeit mit dem Beleg im Restaurant verschwandt. Die Klärung schien nicht so einfach zu sein.

 

Etliche Minuten später erschien sicheren Schrittes und mit undurchdringlicher Miene der Chef des Hauses, legte uns die Mappe mit dem vermuteten neuen Beleg ohne weiteren Kommentar hin und zog sich wortlos zurück. Beim Öffnen der Mappe fanden wir die erklärungsbedürftige Rechnung völlig unverändert vor und fühlten uns nun gelinde gesagt "veralbert" und provoziert. Erst nach nochmaliger Nachfrage ließ man uns sichtlich ungehalten gnädigerweise einen Salat nach.

 

Selbstredend wird uns dieses Lokal nicht wiedersehen. Auf den Pence genau haben wir die Rechnung beglichen, denn Trinkgelder für eine solche Dienstleistung sind aus unserer Sicht unangemessen.



Mit mehr Wut als Sättigungsgefühl im Bauch begaben wir uns auf den Heimweg. Ein Spaziergang auf dem Anwesen vor dem Schlafengehen stand noch auf dem Programm, denn wir waren neugierig wohin der Wasserschlauch verlief, der an unserem Zimmerfenster vorbei auf des Dach führte. Nach dutzenden Metern verschwand er irgendwo im Unterholz des hauseigenen Waldgrundstückes. Woher die Herrschaften ihr Wasser bezogen, würde uns ein Rätsel bleiben.



Durch die heftige Sommersonne hatte sich unser Zimmer leider ziemlich aufgeheizt. Und wegen jenes Defektes an der Wasserleitung war auch Duschen nicht wirklich machbar. Flüchtiges Übersprühen mit kaltem Wasser musste genügen.

 

Bewaffnet mit einem Buch über gallige Zitate und Schmähungen aus berufenen Mündern (typisch britisch!) legten wir uns in unsere viel zu weichen Betten und wünschten uns für den Morgen eine funktionierende Wasserversorgung und ein gutes Frühstück.

 

Die Hausherrin wollte sich auf meine Anfrage hin bemühen, etwas Käse aufzutreiben. Ansonsten würde es das übliche Scottish Breakfast geben. Ernüchternde Aussichten.