23.03.2019 :: ###SPRACHE### :: ###DRUCKVERSION###
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Nachhilfe in Geschichte

Geschichtsstunden

Frühstücksraum
Springbrunnen im Princess Street Garden
Scott-Monument
Gedenkstein für Robert Louis Stevenson
Blumenuhr - funktioniert!
City Chambers: aufgesetzt!
The Real Mary King's Close
Anchor Close: Entstehungsort der Encyclopaedia Britannica
Am Ende der Welt?
Ältestes Haus der Stadt

Erlend hatte auch an diesem Morgen eine kulinarische Überraschung für uns: ein Arrangement aus frischer Maracuja-Frucht - köstlich! Danach schwelgten wir in pochierten Eiern zu grünem Spargel - perfekt! Dass es in Großbritannien solche Gourmet-Küche geben könnte, wer hätte das gedacht?

 

Zwar hatte es bis zu diesem Tag kaum soetwas wie Regen gegeben - eine weitere angenehme Überraschung in schottischen Landen -, aber für heute warnte der Gastgeber vor angekündigtem schlechtem Wetter. Also nahmen wir uns einfach eine Regenjacke mit und trabten in Richtung Altstadt.



Unser erstes Ziel war das Scott-Monument, das wir ursprünglich erklimmen wollten, um einen Blick über Edinburgh zu werfen. Tatsächlich hatte sich aber eine dicke Nebelsuppe gebildet, die bereits das nahe Castle zum Teil verhüllte. Da würde sich der Ausblick auf die umliegenden 20 oder 30 Meter beschränken, sagten wir uns, und verzichteten auf die 287 Stufen.

 

Und jetzt? Ein Blick in den Stadtplan ergab, dass sich nahezu alle Stationen, für die wir uns interessierten, entlang der sogenannten "Royal Mile" befanden. Diese Straße liegt im Zentrum der Altstadt und führt vom Eingang des Schlosses bis zum Palace of Holyrood House.



Wir begannen mit dem Besuch des Museum of Childhood, das in den Tourbussen regelmäßig als wahres Paradies für Kinder und Junggebliebene geschildert wird ("the noisiest museum in the world"). Tatsächlich wird man hier auf mehreren Etagen von einer Masse an Spielzeug aus unterschiedlichen Epochen förmlich erschlagen, das in großen Schaukästen und Vitrinen ausgestellt ist und teilweise auch "bespielt" werden darf.

 

Die Beschilderung ist durchaus informativ, teils kann man riesige Spieltruhen oder aufgebaute Spiellandschaften mit kleinen Geldmünzen oder kostenfrei mit Knopfduck in Betrieb setzen. Gut gemacht für englisch-sprachige kleine Museumsbesucher ist die Mitmachmöglichkeit durch kleine Aufgabenstellungen, die man einfach durch Nachsehen im Ausstellungsraum oder Ertasten an verschiedenen Stationen erfüllen kann.

 

Sogar über die Geschichte des Schulunterrichts erfährt man einiges (inklusive nachgebautem Klassenraum - hinter Glas!), und eine Kleiderkiste fordert förmlich zum Verkleiden und Nachspielen des Gesehenen und Gelesenen auf. Erwachsene Fans von Spielzeug jeder denkbaren Variante finden hier sicherlich einiges, was das Herz höher schlagen lässt: Puppen, Teddies, Seifenkisten, Holz- und Blechspielzeug, Autos - und natürlich die gute alte Eisenbahn.



Wegen der ziemlich verbrauchten Luft haben wir es nicht sehr lange dort ausgehalten und uns lieber auf den Weg ins nächste historische Museum gemacht: The People's Story. Dort wird erzählt und mit vielen Exponaten dargestellt, wie die einfachen Menschen in den vergangenen Jahrhunderten gelebt haben. Sehr interessant.

 

Weiter geht unsere Tour mit der Suche nach einem Tipp unserer Gastgeber: The Real Mary King's Close. Wir erfahren, dass man mit "Close" kleine (oft schmuddelige) Seitenstraßen/Gassen meint, die oft noch auf das Mittelalter zurückgehen, also sozusagen die Geschichte der Stadt widerspiegeln. Das klingt nicht nur, das IST hochinteressant.



Mehrfach laufen wir am Eingang zu diesem ungewöhnlichen Museum vorbei, denn der Zugang zum Close ist nicht mehr von der Straße her möglich, sondern muss über eine anders benannte Gasse erfolgen - und letztlich durch ein darüber liegendes Haus. Denn man hat die alte Gasse samt den Großteil ihrer Häuser einfach überbaut.

 

Über dem einstigen Mary King's Close steht heute ein Gebäudekomplex mit dem Namen City Chambers. Wir begeben uns also mit einem historisch gekleideten Führer in den Untergrund. Durch eine plastische Schilderung mit schauspielerischer Qualität tauchen wir ein in das Leben im Mittelalter (Schwerpunkt: die Auswirkungen der Pest!) und bekommen einen Eindruck, wie es im ehemaligen Armenviertel Edinburghs ausgesehen haben könnte.



Dass man hier beispielsweise mit 8 - 14 Personen einen einzelnen Raum von etwa 10 qm bewohnte, oft ohne Fenster (Stichwort: Fenstersteuer!) und ohne Kaminabzug, dafür aber mit einem Kübel in einer Ecke als Toilette und einem offenen Feuer in der Zimmermitte als Wärmequelle und Kochstelle, wird uns berichtet. Man hoffte, dass der Rauch durch die geöffnete Wohnungstür aus dem Zimmer in die Gasse ziehen würde.

 

Und dem jüngsten der Familie oblag die Pflicht, den erwähnten Eimer, der sich bei der geschilderten Anzahl der Leute schnell füllte, ungefähr zweimal am Tag nach einem lauten Warnruf mit Schwung in die Gasse zu entlehren. Abwasserkanäle? Fehlanzeige!



Wie die Beschaffenheit des Gassenbodens bei unterschiedlicher Witterung und der Geruch des Wohnviertels gewesen sein mag, konnten wir uns ebenso vorstellen, wie die Tatsache, dass Armut zu dieser Zeit die Lebenserwartung stark beeinträchtigte. Da hätte es des Besuchs der an Pest erkrankten Familie samt des Arztes im Ganzkörper-Lederdress mit merkwürdig anmutender Maske (in Schnabelform) gar nicht bedurft, der gerade einem Kind eine Pestbeule unter dem Arm geöffnet hatte, um seinem Leiden etwas Linderung zu verschaffen.

 

Dem kundigen Führer zufolge glaubte man nämlich zu dieser Zeit, dass die Pest sich durch üble Gerüche übertrug. Der Arzt trug also in jenem "Schnabel" stark duftende Kräuter, um sich vor Übertragung der Krankheit zu schützen. Zwar kostet der Eintritt in diese Unterwelt satte 8 Pfund, aber es wird einem schon ein besonderer Blick auf die Stadtgeschichte anhand real existiert habender Personen vermittelt, sodass wir den Besuch jederzeit empfehlen würden.



An diesem Tag besuchten wir nochmals "Mama's" amerikanisches Pizza-Restaurant am Grassmarket, bevor wir unseren letzten Abend in Schottland bei Wasser und etwas Arbeit an unserem Reisetagebuch ausklingen ließen. Wir hatten noch einmal einige Stunden auf Schusters Rappen zugebracht und viel neues über unser Urlaubsland erfahren.

 

Jetzt freuten wir uns auf eine erholsame Nacht und das dritte Überraschungsfrühstück aus Erlends Küche.